Rund 1000 Ärzte verweigerten Streik

1. Juli 2008, 09:03
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Mit der Schließung ihrer Ordinationen protestierten am Montag tausende österreichische Ärzte gegen das Reformpaket zur Kassensanierung

Wien/Linz - "Na bitte, is des net der Präsident?" Der ältere Herr klemmt sich den Gehstock unter die Achsel und schreitet auf den oberösterreichischen Ärztekammerpräsident Peter Niedermoser zu. Dieser steht an diesem Montagvormittag ganz in Weiß mit einem Bündel Informationsmaterial zum Ärztestreik am Linzer Taubenmarkt. Dass die Ordinationen geschlossen sind, versteht der Pensionist. "Geh bitte, des passt scho'. A Dokta is a intelligenter Mensch, der waß, wos a tuat", ist der Mann überzeugt.

Unweit davon entfernt sich bemüht eine Linzerin, das eben erhaltene Protestflugblatt in die richtige Leseposition zu bekommen. Was mit einem eingegipsten Arm nicht so leicht zu sein scheint. "Ich bin am Sonntag beim Aussteigen aus der Straßenbahn gestolpert. Eigentlich hatte ich ja Glück im Unglück, dass ich mich genau einen Tag vor dem Ärztestreik verletzt habe", lacht Edith Gastallnig im Standard-Gespräch.

Rund 1000 Streikbrecher

In ganz Österreich schlossen die Ärzte ihre Ordinationen am Montag, um damit gegen jene Reform zu protestieren, die die Finanzierung der Kassen sicherstellen soll (siehe Wissen). Alle 15.000 Kassen- und Wahlärzte waren aufgerufen, sich daran zu beteiligen. Laut dem Hauptverband der Sozialversicherungsträger hatten dennoch rund 1000 Ordinationen geöffnet - das geht aus dem E-Card-System hervor, in dem sich Ärzte anmelden, wenn sie ordinieren.

In vielen Städten gab es Informationsveranstaltungen, in Wien versammelten sich die Mediziner zu einem Protestsymposium. Dort brachte Ärztekammer-Präsident Walter Dorner noch einmal die Argumente der Ärztevertreter gegen die geplante Reform vor: "Ich will nicht, dass unsere Bürger zum Almosenempfänger ihrer Krankenversicherung werden", erklärte er vor den Ärzten. "Wenn man dieses Gebilde schon Reform nennen soll, dann ist das eine ganz, ganz schlechte, die nur mehr zulasten der Patienten und von uns Ärzten geht." Die "größte Schweinerei an dem Ganzen" sei der Vorwurf, die Ärzte würden die Patienten mit dem Streik im Stich lassen.

Zurück nach Linz - dort schien sich am Montagvormittag zu bestätigen, dass der Patient ist ein geduldiges Wesen ist. Kritische Stimmen zum Ärztestreik suchte man bei der Linzer Kundgebung vergeblich, und Bemühungen der Ärzte, sich zu rechtfertigen, schienen überflüssig. "Mir braucht da keiner was zu erklären. Die müssen geschlossen auftreten, wenn sie was erreichen wollen. Und das haben wir als Patienten zu akzeptieren. Außerdem hab' ich meine Pulverl eh' auf Vorrat." - Behutsam faltet der Pensionist den Protestbrief auf Herrenhandtaschengröße und bringt seinen Gehstock wieder in Position: "Alles Gute noch, Herr Präsident!" (von Andrea Heigl und Markus Rohrhofer/DER STANDARD, Printausgabe, 17.6.2008)

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