Gewappnet gegen die Barbaren vor der Tür

10. Juni 2008, 18:40
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Österreich ist von der weltweiten Immobilienkrise kaum getroffen. Aber auch hier stehen Spekulation und stabile Wohnversorgung in einem Spannungsfeld

Als Meinl European Land (MEL) im Sommer 2007 ein Aktienrückkaufprogramm verspätet bekanntgab und die Kurse daraufhin in den Keller fielen, schien es für einen Moment, als ob die amerikanische Immobilien- und Finanzkrise nun auch Österreich erreichen würde. Doch die MEL-Affäre blieb ein Einzelfall, und die Alpenrepublik kann sich rühmen, als Insel der Seligen die Finanzstürme der vergangenen Monate fast ohne Schrammen überstanden zu haben. Weder sind die Immobilienpreise deutlich gesunken, noch haben die österreichischen Banken allzu große Abschreibungen vornehmen müssen. Wer keine MEL-Aktien besitzt, wird von den weltweiten Turbulenzen nur wenig gespürt haben.

Auf dem 31. STANDARD-Wohnsymposium zu den Folgen der Immobilienkrise für Österreich konnte man vergangene Woche verstehen, warum sich der heimische Wohnungsmarkt als so widerstandsfähig erweist. Es ist, als ob das ganze Förder- und Bankenwesen im Hinblick auf eine Krise dieser Art konstruiert worden ist.

Wenig attraktiv für Investoren

Durch Gesetze, Förderungen und Stadtplanung wird seit Jahrzehnten die Spekulation mit Wohnimmobilien gebremst und die Versorgung des Durchschnittsbürgers mit adäquatem Wohnraum in den Mittelpunkt gestellt. Das macht Österreich zu einem wenig attraktiven Markt für internationale Immobilieninvestoren, bietet aber der Bevölkerung ein hohes Maß an Sicherheit.

Wirklich rütteln will an diesem System niemand, das zeigte sich bei dem vom Fachmagazin Wohnen Plus mitorganisierten Symposium, wo Experten und Praktiker stundenlang intensiv über die Frage "Die Zwei-Klassen-Gesellschaft am Immobilienmarkt: Versorgung oder Spekulation" diskutierten. Aber während Vertreter der privaten Immobilienwirtschaft kein Problem darin sehen, dass parallel zum reglementierten Markt auch ein Segment mit freien Preisen und einem gewissen Maß an Spekulation existiert, sehen Vertreter der Gemeinnützigen, der Arbeiterkammer und der SPÖ die hervorragende Wohnversorgung durch zukünftige Markttendenzen gefährdet und wollen die Spekulation eigentlich bereits im Keim ersticken.

Gemeinnützigen-Obmann Karl Wurm skizzierte das Bild eines tief gespaltenen Marktes, wo die Gemeinnützigen das Wohl der Bewohner im Sinne haben, die gewerblichen Investoren hingegen nur die Interessen der Börse. "Der private Markt muss anlegerorientiert agieren und den Gesetzen der Börse gerecht werden", erklärte Wurm. "Dort zählt nur die Gewinnmaximierung. Bei uns steht hingegen der Nutzer im Vordergrund. Bei Genossenschaften ist der Bewohner der Eigentümer – das Einzige, worauf er spekuliert, ist, dass sein Haus bald saniert wird."

Anleger und Kunden

Gegen diese Darstellung wehrte sich vehement Daniel Riedl, Geschäftsführer der einst öffentlichen Buwog, die 2005 an die private Immofinanz verkauft wurde. "Es gibt keinen Widerspruch zwischen Anleger- und Kundenorientierung", sagte er. "Ich kann meinen Anlegern nicht dienen, wenn ich die Kunden nicht zufriedenstellen. Sonst ziehen sie aus." Man müsse sich auch von der Vorstellung trennen, dass Immobilienaktien nur von bösen Spekulanten gehalten werden. "Das sind nicht die reichen Schweine, sondern Leute wie du und ich, die für die Altersvorsorge sparen. Selbst im Private- Equity-Bereich kommt das Geld zum Großteil von Pensionsfonds."

Und während etwa die beiden Immobilienunternehmerinnen Michaela Nimmervoll aus Oberösterreich und Brigitte Jank, Präsidentin der Wirtschaftskammer Wien, neben dem geregelten und geförderten Sektor Platz für einen freien Immobilienmarkt sehen, der die Qualitätsbedürfnisse einer wohlhabenden Schicht befriedigen soll, verwies die AK-Expertin Johanna Ettl darauf, dass die steigenden Mieten in Zinshäusern sehr wohl negative Folgen für sozial Schwächere habe. Nicht die öffentlichen Gebühren, sondern die Immobilienspekulation und das zu laxe Mietrecht seien die Preistreiber beim Wohnen. SP-Landesrat Hermann Kepplinger aus Oberösterreich wiederum warnte vor der Massenprivatisierung von Gemeindewohnungen wie im Deutschland der Neunzigerjahre.

Unattraktivere Erträge

Auch in den Tischgesprächen zeigten sich die unterschiedlichen Zugänge zum Thema. Mehrere Tischrunden traten in ihren – von den Teilnehmern bewerteten – Forderungen für Wettbewerb zwischen den Sektoren ein. Die meisten Stimmen aber erhielt der Vorschlag, Spekulation durch Ertragsbegrenzungen – vor allem striktere Richtwerte mit weniger Zuschlägen – unattraktiver zu machen.

Josef Schmiedinger, Vorstandschef der s-Bausparkasse, hält nichts vom Appell an den Staat, "um uns vor Spekulation zu schützen. Stattdessen sollte man möglichst viele Alternativen anbieten, sodass Menschen gar nicht in Versuchung kommen – also ausreichend geförderte Wohnungen über Gemeinnützige schaffen. Dann hat die Spekulation keine Chance."

Doch angesichts wachsender Nachfrage und steigender Bodenpreise, warnten mehrere Teilnehmer, reicht die bestehende Wohnbauförderung immer weniger aus, um dieses Ziel zu erreichen. (Eric Frey, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.6.2008)

  • (Illustration: STANDARD/Oliver Schopf)
    illustration: standard/oliver schopf

    (Illustration: STANDARD/Oliver Schopf)

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