"Geisteswissenschaften für uns uninteressant"

3. Juni 2008, 19:14
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Horst Becker ist Jäger - im Visier hat er Top- Manager: Der Headhunter verrät im derStandard.at- Interview, worauf es im Studium ankommt, wenn man zur Elite gehören will

Bei Anruf Job: Wenn man einen Headhunter am Hörer hat, bedeutet das meist gute Neuigkeiten - zumindest karrieretechnisch. Headhunter machen sich für Unternehmen auf die Suche nach künftigen Fach- und Führungskräften. Wer aber kommt dafür in Frage? Horst Becker, Headhunter des deutschen Unternehmens "Hunting Heads" erklärt im derStandard.at-Interview, was man in seiner Branche unter "Elite" versteht, was diese Elite studiert und was das entscheidende in einem Lebenslauf ist. Die Fragen stellte Nicole Bojar.

 

derStandard.at: Angenommen, ich habe gerade mein BWL-Studium abgeschlossen – Wie wahrscheinlich ist es, dass Sie mir einen Job anbieten?

Becker: Wenn Sie ein BWL-Studium abgeschlossen haben, ist es wahrscheinlich. Wenn Sie ein technisches Studium abgeschlossen haben, ist es sogar sehr wahrscheinlich. Geisteswissenschaften sind für Headhunter weniger interesssant.

derStandard.at: Der Slogan Ihrer Firma lautet ja „Jagd nach der Elite.“ Wie sieht diese Elite aus?

Becker: Das hört sich immer sehr hochgestochen an. Wir teilen das in zwei Kategorien ein: Zum einen gibt es das Top-Management: führungserfahrene Menschen, die in der Führungsebene mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Denen kann man kein X für ein U vormachen – das sind gestandene Manager. Zum anderen gibt es Fachführungskräfte, Entwicklungsleiter, Produktionsleiter, die im fachlichen Bereich sehr viel Know-How haben. Das sind keine Berufsanfänger, sondern erfahrene Menschen. Das sind die zwei Eliten.

derStandard.at: In welcher Altersklasse sind diese Eliten zu finden?

Becker: Von Mitte 30, bis über 50 Jahre.

derStandard.at: Wie ist das Verhältnis von Männern und Frauen?

Becker: Das beeinflussen wir nicht – aber das ist eine Männerwelt. Zum Großteil.

derStandard.at: Wann wird jemand für Sie interessant? Welche Rolle spielt die Berufserfahrung, welche das absolvierte Studium?

Becker: Die Berufserfahrung spielt eine sehr große Rolle. Hunting Heads ist nicht spezialisiert auf Uni-Abgänger. Größere Unternehmen haben ihr eigenes Universitätsmarketing und holen sich die Leute direkt von den Unis. Wir konzentrieren uns auf Leute, die schon im Beruf stehen. Ein Großteil dieser Leute hat natürlich studiert.

derStandard.at: Welche Studien sind da besonders häufig vertreten?

Becker: Naturwissenschaftliche Studien, BWL und Volkswirtschaft. Im Moment ist der Markt auf naturwissenschaftliche Studien ausgerichtet. In Deutschland gibt es sehr viele BWL-Studenten, da haben Naturwissenschafter die besseren Chancen, gleich in gute Positionen zu kommen.

derStandard.at: Wenn Sie sich den Studienverlauf einer Person anschauen – was zählt?

Becker: Die Anzahl der guten Praktika, wo und wie lange sie gemacht wurden. Sie sollen ja beruflich zielführend sein. Wenn etwa ein BWL-Student in einer sozialen Einrichtung arbeitet, ist das nicht wirklich zielführend – das fällt auf. Wenn er zum Beispiel ein studienbegleitendes Praktikum bei einem großen Unternehmen und eines im Ausland macht, dann ist das positiv.

derStandard.at: Und wenn diese Person während ihres ganzen Studiums gekellnert hat?

Becker: Dann bedeutet das, sie musste sich ihr Studium finanzieren. Das ist gut, es zeigt, dass da auch ein Willen dahinter steckt. Ein oder mehrere Praktika sind aber zielführender.

derStandard.at: Was wollen Sie in einem Lebenslauf gar nicht lesen?

Becker: Wenn man zehn Jahre studiert, ist das schon ein Problem, auch später – man nimmt gewisse Dinge vielleicht nicht ernst. Wenn jemand ein Studium abbricht, um etwas anderes zu machen, ist das eher positiv: Er sieht, das wars nicht und macht eine Korrektur. Das ist gut. Wenn jemand zwei, drei verschiedene Studien anfängt und dann irgendwo hängen bleibt, ist das nicht optimal. Besonders gerne werden Doppelstudien gesehen, Kombinationen aus BWL und einem zusätzlichen Studium.

derStandard.at: Was macht einen Studienabgänger für Sie interessant?

Becker: Er muss sich präsentieren und sich selbst gut verkaufen können. Wir schließen Lebensläufe von Leuten aus, die nur stur aufzählen, wo, aber nicht was und wie sie dort gearbeitet haben – denn genau das interessiert uns. Wenn man sich als Manager bewirbt, sollte man auch auf ein entsprechendes Auftreten achten: Unrasiert und nicht gekämmt, das geht nicht. Fotos am Lebenslauf müssen professionell sein, keine Schnappschüsse aus dem Biergarten. Das bekommen wir aber immer wieder zu sehen. (Nicole Bojar, derStandard.at, 03.06.2008)

Zur Person: Horst Becker ist Headhunter und Senior Partner des deutschen Unternehmens Hunting Heads. Seit sechs Jahren ist der 51-Jährige auf der „Jagd nach der Elite“ – so das Firmenmotto. Davor war Becker in der Geschäftsführung von Industrieunternehmen tätig. Er wurde selbst zweimal von Headhuntern abgeworben und fand Gefallen an diesem Geschäft: „Ich habe heute das richtige Alter und die richtige Erfahrung für die Branche“, sagt er über seinen Wechsel. Das Unternehmen Hunting Heads vermittelt seit 1997 Führungs- und Fachpersonal, Vertriebsleiter, Geschäftsführer und Top- Manager. Es hat seinen Firmensitz im deutschen Wetter an der Ruhr, unterhält aber Niederlassungen in Europa, Asien und den USA.

  • Headhunter Horst Becker: "Besonders gefragt sind derzeit Absolventen eines technischen Studiums."
    foto: hunting heads

    Headhunter Horst Becker: "Besonders gefragt sind derzeit Absolventen eines technischen Studiums."

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