Rundschau: Tentakel­träume

    14. Juli 2008, 14:39
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    "Chronos", "Dhampir", "Sternenstürme", "Das Cusanus-Spiel", "Stadt der Untoten", Moebius-Visionen und Zyklen-Starts von Robin Hobb, Dirk van den Boom und Kathleen Bryan

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    coverfoto: heyne

    Robert Charles Wilson: "Chronos"

    Broschiert, 396 Seiten, € 9,20, Heyne 2008.

    ... nicht zu verwechseln mit "Die Chronolithen" aus der seit 2004 im Corporate Design erscheinenden Wilson-Reihe im Heyne-Verlag. "Chronos" ist der bislang weiteste Rückgriff auf Frühwerke des Kanadiers: 1991 als "A Bridge of Years" veröffentlicht und drei Jahre später schon einmal auf Deutsch erschienen ("Bis ans Ende aller Zeit", Goldmann). Auch in dieser Geschichte wird an der Weltuhr gedreht, wenngleich auf gänzlich andere Weise.

    Tom Winter ist 30, von seiner Frau verlassen, von der Firma gefeuert und in ständiger Gefahr wieder zur Flasche zu greifen. In seinem Geburtsstädtchen Belltower an der Nordwestküste der USA versucht er einen Neuanfang und kauft sich ein seit langem leerstehendes Haus. Doch in dem tun sich seltsame Dinge: Schmutziges Geschirr spült sich selbst, Zerbrochenes wird repariert. Winter entdeckt eine Armada kleiner Maschinen, die das Haus in Schuss halten, welches den Zugang zu einem Zeittunnel bildet. Aus dem gelangt Tom auf den - so sein erster Eindruck - Planeten der Hüte, genauer gesagt: ins Jahr 1962. Eine Zeit relativer Sicherheit, die Tom genau das Gefühl von Ruhe und Geborgenheit gibt, das er sucht. Er beschließt sich in der Vergangenheit niederzulassen - ohne zu ahnen, dass noch andere den Tunnel benutzen.

    Wilson verzichtet auf die für ihn so typische Schaffung eines Rätsels, indem er bereits im Prolog die Bedeutung des Hauses schildert: Ein "Zeitreisender" aus dem 22. Jahrhundert fungiert als Hauswart, bis er von einem desertierten Soldaten aus der näheren Zukunft erschossen wird und der Tunnel brachliegt. (Vielleicht wollte Wilson so vermeiden, dass die LeserInnen in den ersten Kapiteln Genre-verfehlende Assoziationen zu Heinzelmännchen oder Elfen bekommen.) "Chronos" unterscheidet sich aber noch deutlicher von späteren Werken: "Blind Lake" ("Quarantäne"), "Spin", "Darwinia" und die "Chronolithen" transportieren allesamt eine globale Vision: Ein großes Ereignis, das die Weiterentwicklung der gesamten Menschheit betrifft - nicht unbedingt eine Veränderung zum Schlechten, aber immer eine zum Notwendigen. "Chronos" wirkt im Vergleich dazu geradezu harmlos und konzentriert sich ganz auf die Wünsche und Ziele der ProtagonistInnen.

    Zwei wichtige Wesenszüge, die Robert Charles Wilson zum legitimen Erben Arthur C. Clarkes gemacht haben, fehlen hier also noch: Die visionäre Kraft und das genaue Eingehen auf wissenschaftliche Phänomene (sowohl die Zeitreise-Technologie als auch die Mikro-Maschinen bleiben in "Chronos" relativ vage abgehandelt). Ein dritter Zug ist aber bereits vorhanden und zeigt sich am deutlichsten in der Figur Billy Gargullos - eben jenes Soldaten aus dem 21. Jahrhundert. Er wurde für die Bürgerkriege der klimagewandelten Welt zwangsrekrutiert, zum Eunuchen gemacht und ist von seiner kybernetischen Rüstung körperlich abhängig wie ein Drogensüchtiger. Zum Serienmörder wurde er nur, weil die Rüstung ihn durch hormonelle Beeinflussung dazu zwingt - er selbst ist ein armes Schwein. Und Wilson eben ein unerschütterlicher Humanist.

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