Rundschau: Tentakel­träume

    14. Juli 2008, 14:39
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    "Chronos", "Dhampir", "Sternenstürme", "Das Cusanus-Spiel", "Stadt der Untoten", Moebius-Visionen und Zyklen-Starts von Robin Hobb, Dirk van den Boom und Kathleen Bryan

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    coverfoto: atlantis

    Dirk van den Boom: "Tentakelkrieg 1 + 2"

    "Tentakelschatten": 210 Seiten und "Tentakeltraum": 230 Seiten, jeweils broschiert, € 13,30, Atlantis 2007 bzw. 2008.

    Alien-Bedrohung, die zweite: Dreckiger und zynischer wird das Grundthema beim Deutschen Dirk van den Boom behandelt ... nicht dass es bar jeden Zynismus' gewesen wäre, wenn McCollum seine "HeldInnen" euphorisch und gänzlich unreflektiert davon träumen lässt, zu Gunsten der Erde tausende Spezies Amok laufen zu lassen, um so das feindliche Imperium zu Fall zu bringen. In van den Booms "Tentakelkrieg" hingegen haben die Menschen erst mal mit eigenen Systemmängeln zu kämpfen.

    Als die Tentakel - quasi-pflanzliche Wesen, die ihre Bevölkerung nach Funktionen geordnet in unterschiedlichen Subspezies heranzüchten - in breiter Front in die 37 Systeme der irdischen Sphäre vorrücken, trifft dies die Menschheit zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Vor Jahrzehnten tobte ein Bürgerkrieg, der Spuren hinterlassen hat - es herrschen wirtschaftliche Depression, Korruption und allgemeine Verluderung. Prototypisch dafür stehen zwei der drei Hauptpersonen, die als erste den Invasoren begegnen: Jonathan Haark, ein Schiffskommandant, der auf einen abgelegenen Posten abgeschoben wurde, weil er den Befehl eines De-facto-Kriegsverbrechers (jetzt allerdings Oberkommandierender der irdischen Streitkräfte) verweigert hat. Und Rahel Tooma, die aus dem Militär wegen sexueller Übergriffe ihrer Vorgesetzten ausgeschieden ist. Auf der verträumten Kolonialwelt, die ihr als Zuflucht gedient hat, muss sie bald erneut ihre Kampfpraxis - und die ist erheblich - unter Beweis stellen.

    Die dritte Hauptperson ist der autistische Wissenschafter Jan DeBurenberg, der auf geniale Weise Informationen auszuwerten versteht und im zweiten Band ("Tentakeltraum") ebenfalls an die Front geschickt wird. Denn während in "Tentakelschatten" erst mal Dramatis personae in Bewegung gesetzt werden, dreht sich die Fortsetzung um eine großangelegte wechselseitige Täuschung, mit der Menschen und Tentakel einander auszustechen versuchen. Ein dritter Teil ("Tentakelsturm") ist für 2009 angekündigt.

    Der "Tentakelkrieg" ist Genreliteratur - Space Opera im hartgekochten Military-SF-Stil- im klassischen Sinne und erfüllt alle entsprechenden Erwartungen: Spannend, geradlinig erzählt und kompromisslos von seiner Philosophie her. Dass der Name "Tentakel" simultan bei allen Beteiligten auftaucht, obwohl sie untereinander gar nicht kommunizieren konnten, ist ein kleinerer Logikmangel. Aber zumindest mokiere sich keiner darüber, dass die Menschen wieder einmal eine abwertende Bezeichnung für Fremde benutzen. Denn die haben ihrerseits auch einen Namen für die Menschheit: Dünger.

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