Rundschau: Tentakel­träume

    14. Juli 2008, 14:39
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    "Chronos", "Dhampir", "Sternenstürme", "Das Cusanus-Spiel", "Stadt der Untoten", Moebius-Visionen und Zyklen-Starts von Robin Hobb, Dirk van den Boom und Kathleen Bryan

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    coverfoto: klett-cotta

    Robin Hobb: "Die Schamanenbrücke"

    Gebundene Ausgabe, 671 Seiten, € 25,20, Klett-Cotta 2008.

    Den Keim für einen interessanten inneren Konflikt legt die Kalifornierin Robin Hobb in ihren neuen Trilogie-Helden Nevare. Als Zweitgeborener eines Adeligen ist für ihn eine militärische Laufbahn als Soldatensohn vorgesehen - so handhabt man das in Gernien: Einem Land, das sich auf frühneuzeitlichem technologischen Stand befindet und in den Flachländern des Ostens Kolonialismus im Stil des zaristischen Imperiums betreibt. Man sieht sich als Verbreiter der Zivilisation, die den Weg in eine neue Ära bahnt und sich dabei im Licht des gütigen Gotts sonnt.

    ... das schreit natürlich nach einer Außenperspektive, und die bekommt Nevare zweifach zu spüren: Erst durch einen der unterworfenen Flachländer-Nomaden als Kurzzeit-Lehrer und dann durch eine magische Frau der Fleck, geheimnisvoller Wesen aus den Wäldern jenseits der östlichen Grenze. Diese wehren sich gegen die zerstörerischen Eindringlinge aus Gernien, sind in der Wahl ihrer Mittel aber keineswegs zimperlich. Nevare wird zweimal zum Werkzeug gemacht, es bleibt ihm eine tiefe seelische Spaltung zurück.

    Soweit, so gut. Dann folgt jedoch ein mächtiger, 300 - 400 Seiten langer Bremsklotz in Form von Nevares Ausbildung an der Militärakademie. "Die Schamanenbrücke" wird damit über die Hälfte seines Volumens zu einem ganz normalen Internatsroman, mit all den klassischen Motiven wie Kameradschaft, Mobbing, Prüfungen und Initiationen. Sollte es Hobb um die persönliche Entwicklung ihres Helden gegangen sein, müsste man dem entgegen halten, dass Nevare durch seine Erlebnisse vor der Akademiezeit bereits einen Reifeprozess durchgemacht hat und nun - mit 18 - wieder auf das Niveau eines Jungen regrediert, der Rivalen Streiche spielt und sich empört, wenn andere bei der Prüfung Schummelzettel benutzen.

    Auf den letzten 100 Seiten greift Hobb dann endlich wieder die Motive aus dem ersten Drittel auf und führt sie zu einem ersten Showdown zusammen. Schreiben kann sie - aber wieder einmal stellt sich die Frage, warum ein Roman (der noch dazu nur der Start einer Trilogie ist) unbedingt gleich 670 Seiten umfassen muss, wenn darin kaum mehr als die Ausgangslage künftiger Handlungen geschaffen wird.

    Apropos künftig: In der nächsten Rundschau geht es unter anderem nach "Globalia" und an die Gestade des "Dark River"; außerdem brechen voraussichtlich harte Zeiten für Wespengift-Allergiker an. (Josefson)

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