Rundschau: Tentakel­träume

    14. Juli 2008, 14:39
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    "Chronos", "Dhampir", "Sternenstürme", "Das Cusanus-Spiel", "Stadt der Untoten", Moebius-Visionen und Zyklen-Starts von Robin Hobb, Dirk van den Boom und Kathleen Bryan

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    coverfoto: droemer knaur

    Wolfgang Jeschke: "Das Cusanus-Spiel"

    Broschiert, 703 Seiten, € 13,40, Droemer Knaur 2008.

    Mitte des 21. Jahrhunderts wird die junge Botanikerin Domenica Ligrina im Auftrag des Papstes auf eine Zeitreise ins 15. Jahrhundert geschickt, um Pflanzenproben für die Revitalisierung des plutoniumverseuchten Deutschlands zu sammeln. - So könnte man die Handlung in aller Kürze umreißen, doch ist Jeschkes Buch nicht umsonst nach dem vom Kirchenlehrer Nicolaus Cusanus entwickelten Globoule-Spiel benannt. Dessen Hauptcharakteristikum: Auf direktem Wege erreicht man niemals das Ziel.

    Man merkt Jeschke an, dass ihm als jahrzehntelangem Herausgeber der Science-Fiction-Reihe im Heyne-Verlag ganze Generationen gesellschaftlicher Dystopien (heute leider ein schwer vernachlässigtes Genre) durch die Hände gegangen sind. Brillant etwa die ebenso düstere wie plausibel extrapolierte Zeichnung Italiens im Jahr 2052: Mit einem unmenschlichen "Staustufensystem", das keinen Unterschied zwischen Klimaflüchtlingen, illegalen Einwanderern und den eigenen Staatsbürgern aus aufgegebenen Landesteilen macht, wurde der Migration nach Norden ein Riegel vorgeschoben. Hinter der Demarkationslinie herrschen Verfall, Anarchie und nackte Brutalität gegenüber den "Moros".

    Ebenso gelungen die Schilderung der deutschen Verhältnisse, wo nach einem Super-GAU in Cattenom weite Gebiete für immer verseucht sind und Flüchtlingsströme zu einer sozialen Misere ohne Beispiel geführt haben. - Dazwischen - geografisch ebenso wie der Romanchronologie gemäß - liegt im einzigen weniger gelungenen (aber glücklicherweise kurzen) Abschnitt ein Österreich, das nach seinem EU-Austritt zu einer Art K.u.k.-Travestie re-evolviert ist. Im Vergleich zu den übrigen Ideen wirkt dieser "Zukunftsentwurf" - vom Luftschiff "Maria Theresia" über Salzburger Nockerl bis zum vögelnden Mozart-Hologramm wird so ziemlich jedes Klischee aufgefahren - doch etwas aufgesetzt: Eine zwar gelungene satirische Zuspitzung, die allerdings in Kontrast zu den nüchtern beschriebenen Szenarien in den anderen Ländern steht.

    Doch auch wenn im Roman die Weltpolitik auf wirtschaftliche und ökologische Katastrophen mit unglaublichem Zynismus reagiert hat - nicht alles ist dystopisch: Die Kapitel in Venedig und Amsterdam etwa, wo man nur am Rande betroffen ist, drehen sich in erster Linie um High Tech wie Nano-Roboter und eine originelle Zeitreise-Variante als Weiterentwickung virtueller Realitäten. Dazu kommen Passagen aus dem 15. Jahrhundert ... oder genauer gesagt einigen 15. Jahrhunderten, denn der Zeitreise-Komplex ist untrennbar mit dem Vorhandensein und Schaffen paralleler Wirklichkeiten verbunden. Das Kapitel "Die Cusanische Acceleratio" über einen alternativen Geschichtsverlauf hatte Jeschke bereits einige Jahre vor dem Roman als Kurzgeschichte veröffentlicht.

    Und es wird einige Male ans Ende aller Zeiten geblendet, von wo ein mysteriöser Reisender in die Vergangenheit(en) aufbricht und den ProtagonistInnen begegnet. Damit begibt sich Jeschke zwar auf das Gebiet der Science Fantasy, doch sind diese Passagen letztlich nur die logische Weiterführung des Zeitreise-Gedankens an sich.

    ... das klingt jetzt alles ein bisschen viel, und tatsächlich hat Jeschke de facto drei bis vier Bücher in einem geschrieben. Wollte man etwas bemängeln, dann den Umstand, dass er vor lauter übersprudelndem Ideenreichtum ein wenig das Ziel der Geschichte aus den Augen verloren hat. Doch wie gesagt: Beim "Cusanus-Spiel" kommt man nur über Umwege ans Ziel heran. Und niemals ganz.

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