Fußball im Kosovo: "Do you want to play football?"

1. Juni 2008, 21:12
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Die österreichische Peace Kicking Mission spielt Fußball im Kosovo. Eine ballesterische Intervention an der Peripherie Europas

Der Grenzbeamte lächelt. Mit Erleichterung nehmen wir die Reisepässe und den Fußball aus seinen Händen und verstauen alles wieder im Kofferraum des Peace-Kicking-Mission-Busses. Ob unsere Pässe oder das Hervorholen eines abgetretenen, rot-weiß verbleichten Fußballs uns die Grenze zum Kosovo geöffnet haben, verrät der Zöllner nicht. Das Projekt Peace Kicking Mission beginnt im jüngsten Staat Europas, Schauplatz des bis dato letzten ethnischen Konfliktes zwischen Albanern und Serben.

Nationalgrenzen zu passieren ist stets mit Anspannung verbunden. Der Grenzübertritt zwischen Serbien und dem Kosovo, am „Gate 3“, in der Nähe des serbischen Dorfes Merdare, ist keine Ausnahme. Zweieinhalb Monate sind vergangen, seit serbische Kriegsveteranen den neugeschaffenen Grenzübergang blockierten, mit Steinen und Flaschen attackierten. Die Demonstranten skandierten: „Der Kosovo ist das Herz Serbiens!“ Das war die Reaktion auf die einseitige Ausrufung der Unabhängigkeit des Kosovos unter Schirmherrschaft der UNO und einiger EU-Staaten durch das Parlament in Prishtina.

Am „Boulevard Bill Klinton“ in Prishtina erklärt der NGO-Mitarbeiter Astrit Rexhai: „Clinton war für uns der wichtigste westliche Politiker. Er hat sich für Nato-Angriffe während des Kriegs mit Serbien eingesetzt.“ Rexhai hilft uns als Albanisch- bzw. Serbisch-Übersetzer. Der Mission steht er kritisch gegenüber. „Naiv“ hält er die Idee, durch Fußballspiele und ein abschließendes Fußballturnier in Prishtina eine unvoreingenommene Perspektive auf das – vom ethnischen Konflikt – gezeichnete Land zu bekommen. Außerdem interessiert sich Astrit nicht für Fußball. Für den Rest des Kosovos gilt das nicht: Schon 200 Meter nach der Grenze erstreckt sich ein englisch gepflegter Rasen, am Stadtrand Prishtinas fahren wir an einer Vielzahl voluminöser Fußballhallen vorbei und im Stadtzentrum gibt es betonierte und eingezäunte Sportplätze. Gekickt wird hier überall!

„Natürlich spielen wir mit euch Fußball!“, sagt der junge Mann. „Kommt heute Abend in die Halle neben dem KFOR-Stützpunkt.“ Adnan Muja ist 28 Jahre alt und führt ein kleines Geschäft am Rande des Zentrums der 500.000-Einwohner-Stadt Prishtina. Das dunkle Geschäft in einer kleinen Seitengasse in der Nähe des Marktes ist überfüllt mit Plastikzeug und Billigtextilien, Kunden kommen selten. Adnan sitzt die meiste Zeit mit seinen Freunden im gegenüberliegenden Café. Er wirkt unbeschwert, und seine Augen leuchten auf, wenn er von seinem großen Bruder erzählt, der im Ausland lebt – nicht etwa in Berlin oder London, wohin viele Kosovaren während des Kriegs geflüchtet sind. Sein Bruder ist Lkw-Fahrer in St. Pölten.

„Viel Glück dort drüben“

Auch Adnan will ein Reisevisum nach Österreich, er hat seinen Bruder lange nicht gesehen. „Ich bleibe auch nicht lange dort“, versichert er. Auf die Europäische Union projizieren junge Kosovaren ihre Hoffnungen. Das eigene Land hat kaum etwas zu bieten, außer 75 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, kaum vorhandene Industrie und die erdrückende Omnipräsenz internationaler Organisationen. Der Kosovo bekommt viel internationale Beachtung, aber ausreisen dürfen Kosovaren nur in wenige Nachbarländer. Niemand kann abschätzen, was passieren würde, wenn die „Internationals“ nicht hier wären – die protzigen UNO-Fahrzeuge, die KFOR-Patrouillen und die Experten, die abends Restaurants von Prishtina mit prallgefüllten Geldtaschen bevölkern.

Im Gegensatz zur hauptsächlich von Albanern bewohnten Hauptstadt Prishtina ist der ethnische Konflikt in der nördlichen Stadt Mitrovica augenscheinlicher. Die Stadt ist durch mehrere von KFOR-Panzern bewachte Brücken geteilt: Im Süden leben Albaner, im Norden Serben, die seit dem Krieg 1999 aus dem ganzen Kosovo hierher geflüchtet sind. „Sie sind verrückt, da rüber zu gehen!“, lautet der erste Kommentar des Bürgermeisters. Bajram Rexhepi ist ein stämmiger, braungebrannter Mittfünfziger und ehemaliger albanischer UÇK-Kämpfer. Dass die Peace Kicking Mission in den serbischen Teil fahren will, um dort – wie überall im Kosovo – Fußball zu spielen, versteht er nicht. „Ich weiß, wie sensibel die Situation ist. Mein Büro liegt im Süden, aber mein Haus steht im serbischen Norden. Wenn man mit westlichem Autokennzeichen rüberfährt, ist das eine Provokation für die Serben.“ Er selbst versucht, unauffällig zu bleiben, nimmt für den Nachhauseweg nicht die zentrale Brücke. Seine andere Sicherheitsvorkehrung: Eine 9-mm-Pistole, die er stets mit sich trägt. Mit „Viel Glück dort drüben“ verabschiedet er sich von uns Fußballern.

Nord-Mitrovica gehört nicht zum Kosovo. In den steilen Straßen der Stadt begegnen einem andere Gesichter, Schriftzeichen und Gerüche. An den Häuserfronten hängt überall die rot-blau-weiße serbische Flagge. Auf einem Hügel unterhalb eines Tito-Denkmals für serbische Partisanen des Zweiten Weltkriegs liegt ein heruntergekommener Fußballplatz: Nationalistische Graffitis an der Stirnseite des Platzes, harter Beton als Spieluntergrund, die netzlosen Tore stehen noch gerade. „Do you want to play football?“, fragen wir einen jungen Mann, der mit seiner Freundin gerade die Straße entlanggeht. Bejan trägt eine schwarze Trainingshose und dunkle Sonnenbrillen. Er ist Mitte 20 und hat den ganzen Tag im nahegelegenen Zementwerk geschuftet: „Ich würde gern, aber ich bin müde und wollte mich hinlegen.“ Bejan fragt nicht, warum wir das machen und ob wir von der anderen Seite kommen. Für Bejan scheint es normal zu sein, dass wir hier auftauchen, einen Ball in der Hand, um mit ihm Fußball zu spielen. Er willigt zu einem Match ein. Eine Stunde später sieht sich die Peace Kicking Mission einer sechsköpfigen Fußballmannschaft gegenüber. Eine starke Mannschaft, wie sich herausstellt. Mit 12:5 verliert das PKM- Team. Die Serben sind technisch und läuferisch überlegen. Das Angebot einer Revanche für das Wochenende nimmt Bejan an. Als er hört, dass diese beim Turnier in Prishtina stattfinden soll, stockt er. „Das ist zu gefährlich. Wir haben Autos mit serbischen Nummerntafeln von Mitrovica, die im Kosovo nicht gültig sind.“ Trotzdem redet er mit den Teamkameraden. Als die hören, dass sie gegen albanische Mannschaften antreten sollen, blicken sie ernst zu Boden. Seit Jahren waren sie nicht mehr auf der anderen Seite, geschweige denn in der Hauptstadt Prishtina, die sie als solche nicht anerkennen. Nach kurzem haben sie entschieden: „Wenn ihr die Fahrt organisiert und wir bei dem Turnier sicher sind vor Übergriffen, kommen wir.“

Das Abschlussturnier der Peace Kicking Mission findet am 11. Mai statt – einem sensiblen Datum für den Kosovo. Es ist das Wochenende der serbischen Parlamentswahlen. Fast alle Politiker in Serbien haben angekündigt, bei einem Wahlsieg weiter gegen die Unabhängigkeit des Kosovos zu kämpfen. Trotz zugesichertem Polizeischutz hat die serbische Mannschaft aus Nord-Mitrovica abgesagt. Acht Teams sind auf den „Te Fontane“-Fußballplatz in einem Wohnviertel von Prishtina gekommen – Mannschaften, die während der vergangenen zwei Wochen gegen das PKM-Team gespielt haben. Eine junge Gruppe aus dem albanischen Istok, ein Team aus dem serbischen Dorf Cerkolez, junge Straßenkicker aus dem heruntergekommenen Bezirk Ulpiane, die deutschsprechende Belegschaft eines Hotels und die Mannschaft des Studentenfilmklubs aus Prishtina. Wie demografisch für den Kosovo, gilt auch beim Turnier: Albaner bilden die Mehrheit. Durch die serbische Mannschaft und eine multinationale OSZE-Delegation sind die Minderheiten des kleinen Landes ebenfalls präsent. Trotz aller Befürchtungen der Polizei, der KFOR und lokalen Politikern ist es an diesem Tag möglich, ohne Gewalt und ethnische Übergriffe Fußball zu spielen: Die für das Turnier bereitgestellten Polizisten sitzen auf der Wiese, blinzeln in die Sonne und schauen einfach nur zu. (Von Christian Lerch/ALBUM, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31.5./1.6.2008)

Der Film „Peace Kicking Mission“ wird am_1. Juni im Wiener Festwochenprogramm „Into the City“ präsentiert. www.naemit.at
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