Britische Ärzte mobilisieren Patienten

3. Juni 2008, 16:19
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"Patientenbegehren" gegen neue Kliniken – Kein Problem mit staatlicher Kontrolle

„Wie läuft’s mit dem Umzug, Nigel? Und wie geht’s Ihrer Frau Pam?“ Prit Buttar, Allgemeinmediziner in der Nähe von Oxford, kennt die Sorgen seiner Patienten genau. Der pensionierte Polizeibeamte Nigel kommt oft in seine Ordination, weniger um seine Wehwehchen kurieren zu lassen, sondern um über seine Frau zu reden, deren Alzheimer-Erkrankung ihm schwer zu schaffen macht.

Als „General Practitioner“ (GP) hat Dr. Buttar eine enorm wichtige Funktion im britischen Gesundheitssystem, denn niedergelassene Fachärzte gibt es dort nicht. GPs sind Gynäkologen und Dermatologen, Kinderärzte und Psychologen in Personalunion. Erst wenn’s wirklich brenzlig wird, überweisen sie ihre Patienten in das von den Briten so ungeliebte Krankenhaus. Die GPs schließen sich zu Gruppenpraxen zusammen, jeder Brite ist bei solch einer Praxis registriert.

Trotz – oder wegen – ihrer wichtigen Funktion im System sind die GPs alles andere als beliebt in der britischen Öffentlichkeit, meint Laurence Buckman, Allgemeinmediziner-Vertreter im britischen Äquivalent zur Ärztekammer, der British Medical Association (BMA). „Ob an einer Niederlage von Manchester United oder an der Erderwärmung – die GPs sind an allem schuld.“

Es sei enorm schwer, einen Termin bei seinem GP zu bekommen, sagt wiederum Isabelle Gonçalves von der britischen Patient’s Association, die vor allem als Beschwerdestelle für enttäuschte Patienten fungiert. Vier Stunden pro Tag, fünf Tage die Woche würden britische Ärzte bloß arbeiten – und das bei einem durchschnittlichen Jahressalär von 100.000 Pfund, umgerechnet rund 127.000 Euro.

Die GPs sollen schon bald staatlich verordnete Konkurrenz bekommen: Das National Health Service (NHS), das das britische System steuert, will „Polyclinics“ ansiedeln, die von privaten Investoren betrieben werden können. Die Ärzte befürchten eine Verschlechterung der Versorgung – und protestieren per Patientenbegehren.

Ähnlichkeiten mit der Kampagne der Wiener Ärztekammer sind unbeabsichtigt, aber unübersehbar: Große gelbe Plakate hängen in den Praxen, mittels Unterschrift sollen die Patienten bekunden, dass alles so bleiben soll, wie es ist. Über 1000 Patienten hätten in einer Woche in seiner Praxis bereits unterschrieben – zehn Prozent derer, die dort registriert sind, erzählt Dr. Buttar im Standard-Gespräch.

Andere Sorgen der österreichischen Ärztevertreter, die gemeinsam mit Journalisten britische Kollegen trafen, können diese nicht nachvollziehen. Gegen eine Qualitätskontrolle – sogar eine staatliche – haben sie nichts einzuwenden. „Warum sollte ich Angst haben, wenn ich gut bin?“, meint Ärztevertreter Buckman.

Im Gegensatz zum Versicherungssystem hierzulande ist das britische Gesundheitssystem steuerfinanziert. Die Labour-Regierung mit Premierminister Tony Blair hat viel Geld investiert: 8,3 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) des Vereinigten Königreiches fließen in die Gesundheit, Mitte der 90er-Jahre waren es sechs Prozent. Österreich gibt 10,2 Prozent des BIP für die Gesundheit aus.

Zahnziehen in Albanien

Nach wie vor gibt es auf der Insel große Lücken in der Versorgung, etwa bei Zahnärzten. Nur 50 Prozent nehmen neue Patienten auf, und hat man einen Termin, dann legt man bis zu 200 Pfund (rund 250 Euro) hin, wenn der Arzt auch nur in den Mund hineinschaut, berichtet Patienten-Vertreterin Gonçalves. Nur für Kinder, Pensionisten und werdende Mütter ist die Behandlung gratis.

Wer es sich leisten kann, geht zum Privatarzt – oder verreist, so wie Student Adrian, der in einem Hotel in der Londoner City jobbt. Der gebürtige Albaner fliegt zum jährlichen Zahnarztbesuch in die Heimat – dort sei die Behandlung nicht nur billiger, sondern auch besser. Andere Briten greifen zu drastischeren Mitteln: Sechs Prozent der Inselbewohner nehmen ihre Zahnbehandlung selbst vor. (Andrea Heigl aus London/DER STANDARD, Printausgabe, 31.5.2008)

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