Hundezone

9. April 2008, 19:00
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Ob sie wisse, was sie da tue, hatte ich die Kindergärtnerin gefragt – aber sie rief nach der Polizei

Es war im Regen. Aber wirklich stark dürfte der nicht gewesen sein. Aber so genau weiß ich das auch nicht: Mit einem Hund lernt man nämlich, dass der vermeintlich blöde Motorradfahrersatz, wonach es kein schlechtes Wetter, sondern nur falsche Ausrüstung gibt, stimmt. Schließlich braucht die Töle bei jedem Wetter zwei Stunden Auslauf – und das, was der Wiener für schlechtes Wetter hält, ist da noch lange kein Grund, nicht raus zu gehen.

Kindergruppen aber funktionieren anders. Nicht, dass Kinder nicht ebenso gern in Schlamm und Lacken springen wie Hunde – nur sind sie halt ein bisserl rascher verkühlt. Und auf den ersten Blick erschien es daher auch durchaus sinnvoll, dass die Betreuerin der mittelgroßen Kindergruppe im Prater beim ersten Nieseln nicht sofort die Flucht nach Hause antrat, sondern den Weg unter das schützende Blätterdach anordnete.

Blättersuchen

„Wir spielen hier Blättersuchen und –erraten, erklärte mir die Pädagogin deshalb – und dann kippte ihre Stimme: „Und wenn sie ihren Hund nicht sofort an die Leine nehmen, rufe ich die Polizei.“ Die gute Frau hatte meine Frage, was sie hier gerade tue, eindeutig wörtlich und nicht als Warnung verstanden. Aber für Erläuterungen war es jetzt zu spät: mein Hund sprang aus dem Unterholz – und als wäre es nicht genug, wenn ein einzelner (noch dazu schwarzer) 35-Kilo-Köter in vollem Lauf auf eine Gruppe am Boden herumkrabbelnder Vierjähriger zuprescht, kamen hinter ihm noch vier oder fünf andere Hunde. Keiner wog weniger als 30 Kilo.

Die Hunde beachteten die Kinder nicht. Sie hatten Spaß miteinander – und verschwanden ohne physischen Schaden anzurichten wieder im Gebüsch. Die Kinder zu erschrecken war nicht der Plan gewesen – gelungen war das aber nahezu perfekt.

Wortwahl

Die meisten Kinder weinten. Zwei waren gestolpert, lagen im Dreck und brüllten nach ihren Müttern. Aber am lautesten war die Kindergartentante. Die tobte dermaßen, dass eine begleitende Mutter schließlich ihr Kind stehen ließ und die Pädagogin am Arm packte: Ihre Wortwahl sei in Gegenwart von Kindern nämlich mehr als unangebracht – und das mit der Anzeige und der Polizei solle sich die Dame doch auch noch einmal überlegen.

Denn ausnahmsweise, setzte die Mutter mit vor Wut bebender Stimmer fort, wären die Hundebesitzer nämlich im Recht. Darauf hätten sie und die anderen beiden Begleitmütter die Kindergärtnerin schon beim Verlassen der Jesuitenwiese hinzuweisen versucht: Man sei hier mitten in der Prater-Hundeauslaufzone. Und mit dem selben Recht, mit dem Eltern erwarten, dass Hundebesitzer ihre Tiere nicht auf Kinderspielplätze lassen, sich an Hundeverbotszonen halten und ihre Hunde auch sonst anleinen, dürften die Hunde in einem an jeder Ecke groß als Freilaufzone ausgewiesenen Revier auch toben, sich balgen und rennen.

Zurückgepfiffen

Mittlerweile hatten auch wir – also die Hundehalter – unsere Tiere zurückgepfiffen. Mit einer der Vorteile von schlechtem Wetter ist: Psychopathen-Hundebesitzer, also unter anderem jene Leute, die statt einer geladenen Schusswaffe einen unkontrollierbaren Hund dabei haben, bleiben da daheim. Und einer der Vorteile großer Hunde mit Nicht-Psychopathischen-Besitzern ist, dass die Viecher meist ziemlich brauchbar sozialisiert und erzogen sind: Einen sich sträubenden Dackel schleift zur Not auch meine Oma hinter sich her – aber ab 20 Kilo Hund wird das sehr rasch sehr mühsam.

Und – Recht hin oder her: ein Tier ist ein Tier und auch wie verängstigte Kinder reagieren, weiß man nie – mit kurz angeleinten Hunden (einige sogar zusätzlich mit übergezogenem Beißkorb) kamen immer mehr Hundehalter dazu: Ob etwas passiert sei? Ob jemand verletzt sei? Ob man (also Menschen) Hilfe brauche?

Nichts vorschreiben

Die Kinder hatten sich mittlerweile fast alle wieder beruhigt. Einige wollten mit den Hunden spielen und waren sauer, als das von Hundehaltern wie Begleiteltern mit „das ist jetzt grad vielleicht keine so tolle Idee,“ abgewürgt wurde. Nur die Kindergartentante zeterte weiter: Sie lasse sich nicht vorschreiben, wo sie mit ihrer Gruppe spiele. Nicht von Schildern. Auch nicht von Hundehaltern. Und schon gar nicht von Eltern, die Hundehaltern die Stange hielten: Das sei Verrat an den Kindern, brüllte sie. Und die Mutter, die sich da als erste eingemischt habe, müsse jetzt und hier Position beziehen: Sei sie für Kinder – oder für Hunde? Beides gehe nicht. Nicht in einer Kindergruppe, in der sie die Verantwortung trage.

Die Mutter nahm das als Stichwort: Genau darüber werde sie in den nächsten Tagen mit der Kindergartenleiterin reden. Und außerdem werde sie anregen, dass Hunde in den Kindergarten kämen. Kleine, ungefährliche – um zu üben. Nicht weil Hunde Vorrang vor Kindern haben dürfen, sonder weil es sei jetzt nicht mehr wundere, wenn Stadtkinder in Panik gerieten, sobald sie einen Hund sähen. Und das läge wohl nicht an den Hunden. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 26. Mai 2008)

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