MySpace: Betrugsanklage nach Suizid

5. Juni 2008, 10:37
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In einem Fall von Online-Mobbing, der zum Suizid einer Teenagerin geführt haben soll, erhebt der Staatsanwalt Anklage - wegen Computerbetrugs, nicht wegen Mobbings.

Es war, vor fast zwei Jahren, eine tragische Geschichte von Internetmobbing, die mit dem Suizid eines 13-jährigen Mädchens endete. Zwar gab es, dem Augenschein nach, Schuldige für den Tod des Teenagers; aber der Staatsanwalt des Bundesstaates Missouri fand damals keine rechtliche Handhabe, um gegen die unter falscher Online-Identität vorgehenden Mobber vorzugehen.

Ein Trick macht es möglich

Aber der Ruf nach Strafe für eine 49-jährige Frau, deren Aktionen zum Suizid von Megan Meier geführt haben sollen, ließ nicht nach. Jetzt hat die kalifornische Bundesstaatsanwaltschaft, wo das Online-Netzwerk MySpace seinen Sitz hat, doch noch eine Trick gefunden: Auf Basis eines über zehn Jahre alten Gesetzes gegen Computerbetrug brachte sie vor wenigen Tagen die Anklage gegen Lori Drew wegen "Verschwörung und unautorisierter Benutzung eines Computers für zwischenstaatlichen Handel und um emotionalen Schaden zu erzeugen" ein. Das Strafausmaß für jeden der insgesamt vier Anklagepunkte beträgt maximal fünf Jahre Gefängnis.

"Ohne dich ist die Welt ein besserer Ort"

Die Geschichte: Lori Drew legte 2006 einen MySpace-Account unter dem falschen Namen Josh Evans an. Als "Josh" machte sie sich an Megan Meier heran - eine frühere Freundin von Drews Tochter, die sich jedoch zerstritten hatten. "Josh" flirtete mehrere Wochen heftig mit Megan, bevor er ihr bösartige Nachrichten schickte, zuletzt eine Mail, dass "die Welt ohne dich ein besserer Ort" wäre. Am Tag darauf beging Megan Suizid. Gegenüber dem Staatsanwalt in Missouri bestritt Drews mehrfach, dass sie das Konto "Josh Evans" angelegt hätte.

Aber was ein Versuch der Justiz ist, auf dem Umweg über ein gänzlich anderes Gesetz Lori Drew für Megans Tod haftbar zu machen, wird von Cyber-Recht-Experten heftig kritisiert. Dies sei eine "überraschende und extreme Auslegung des Gesetzes gegen Computerbetrug", sagt Jennifer Granick, Direktorin der Bürgerrechtsorganisation Electronic Frontier Foundation.

Gegen Regeln verstoßen

Die Staatsanwaltschaft würde klagen, weil Drew gegen die Benutzungsbedingungen von MySpace verstoßen habe. Unter anderem verlangt MySpace die Angabe richtiger Namen und Daten zur Person.

Präzedenzfall

Experten befürchten einen gefährlichen Präzedenzfall, da Nutzungsbedingungen meist eine Fülle unverständlicher Klauseln enthalten und selten gelesen oder verstanden werden. "Das ist eine sehr aggressive Anklage", erklärte Rebecca Lonergan, Rechtsprofessorin an der Universität Southern California. "Ich glaube nicht, dass das Gesetz für diese Art von Unheil gemacht wurde." Zweifel äußert auch Nancy Willard vom Zentrum für sicheres Internet: "Cyberbullying passiert üblicherweise zwischen Gleichaltrigen. Hier geht es um etwas anderes."(Helmut Spudich/DER STANDARD, Printausgabe vom 24./25.5.2008)

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    MySpace, ein "Ort für Freunde": Wenn die Freunde falsch sind, kann dies verheerende Folgen haben. Über einen rechtlichen Umweg will die Staatsanwaltschaft jetzt den Suizid einer 13-Jährigen verfolgen.

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