Ist Arbeit "alles, was keinen Spaß macht"?

29. April 2008, 19:18
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Gibt der Casino-Kapitalismus Brecht und Marx nachträglich recht? Oder wandeln sich bloß Arbeitsmoral und Leistungsorientierung in Richtung "Spaßkultur"?

Erodieren Arbeitsmoral und Leistungsorientierung? Zum Jahreswechsel zeigte auch die neueste Fessel-GfK Lifestyle-Studie "einen radikalen Wandel in der Lebenseinstellung". Arbeit und Beruf sind im Leben der Mehrheit kaum noch zentral. Die meisten beziehen Lebenssinn nicht mehr vorab aus Erwerbsarbeit. Eine Umkehr der Prioritäten von Arbeit und Beruf auf Privatleben und Freizeit ist zu beobachten. Für Rudolf Bretschneider "als Sozialforscher...ist das eine Revolution."

"Sinnvolle und befriedigende Arbeit" ist für die "persönliche Lebensgestaltung" nur noch 49% "sehr wichtig", vor 20 Jahren waren es 70%. "Ohne Arbeit...ein sinnerfülltes Leben (für) nicht möglich" halten nur 58% gegenüber noch 84% im Jahre 1997. Die Ablehnung stieg von 9% auf 18%. Dagegen verneinen 43%, "nur in der Freizeit wird der Mensch ein erfülltes Leben führen können", gegen 67% vor 10 Jahren.

Arbeit verliert an Sinngebung und wird nur mehr gegen gutes Geld gemacht: "Arbeit muss primär Sinn machen, Geld ist eher weniger wichtig" teilen bloß 52% gegenüber 67% noch 1997. Und nur 32% (gegenüber 54% 1992) finden "wie viel ich verdiene ist nicht so wichtig, viel wichtiger ist es, im Beruf eine interessante Aufgabe zu haben." Vor allem ist Arbeit kein "privates Opfer" mehr wert: die Bereitschaft dazu sank seit 1987 von 71 auf 34%, "voll und ganz" von 40 auf 10%. Dramatischer scheint der Niedergang von Arbeitsethik und Leistungsmoral: glaubte schon 1987 nur noch eine – freilich beachtliche - Minderheit von 46% "nur durch Leistung bringt man es wirklich zu etwas", so ist diese Kernideologie jeder bürgerlich-meritokratischen "Leistungs-" oder gar "Hochleistungsgesellschaft" in den letzten beiden Jahrzehnten auf 23% geschrumpft. Ausgerechnet in einer Zeit, in der Milliarden neue, "hoch motivierte, hungrige und gut ausgebildete Menschen" auf den Weltmarkt drängen, hunderte Millionen davon in unmittelbarer EU-Nachbarschaft.

Wird Arbeit für die Massen vom sinnstiftenden Beruf, Handwerk und Metier, auf das man stolz war, zum bloßen Broterwerb zwecks Freizeitalimentierung, dem man 15 Jahre während des Erwerbsalters und zu 91% vor 65 Jahren in Frühpension entflieht? Ist Arbeit in Zukunft nur noch für eine privilegierte Minderheit von Führungskräften, Selbständigen, Freiberuflern, Unternehmern, Politikern, Geistlichen, Künstlern, Wissenschaftern und Gelehrten Lebensmittelpunkt, ständige Herausforderung und leidenschaftliche Berufung, die erst mit dem Leben endet?

Es war Bertolt Brecht, der in den "Flüchtlingsgesprächen" festhielt "Arbeit ist alles, was keinen Spaß macht." Der frühe Marx geißelte "entfremdete Arbeit" und Warenproduktion, Brecht "Arbeit" tout court; so als sei Arbeit, gar bezahlte "Lohnarbeit" oder Max Weber's "Erwerbsarbeit" im Kapitalismus jenseits entfremdeter und entfremdender "Lohnsklaverei" gar nicht denkbar. Geben die Entwicklung des Casino-Kapitalismus, obszöne Managergagen, die "Wiedergeburt der Rentiers", Oligarchen, und "Erben-Generationen", winner-takes-all-Starkult, die Rapper-, Gangster-, Glücks-spiel- und Spaßkultur, die demoralisierende Kluft zwischen Leistung und Erfolg großer Mehrheiten der Arbeitnehmer, die sich anstrengen, ihr Bestes geben, den frühen Vätern und späten Propagandisten des Kommunismus darin nachträglich recht? (Bernd Marin/DER STANDARD, Printausgabe, 30.4./1.5.2008)

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