Das "Spiel" mit dem Brief als Täuschungsmittel

30. April 2008, 11:18
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Wie gelang es dem Verdächtigen, die Behörden jahrelang zu täuschen? Wann begann das Martyrium? Der STANDARD bat die Ermittler um Erklärungen

Frage: Gegen wen ermittelt die Staatsanwaltschaft?

Antwort: Derzeit nur gegen den Tatverdächtigen Josef F. (73). Doch noch sei nicht auszuschließen, dass auch gegen seine Ehefrau wegen unterlassener Hilfeleistung und gegen "Unbekannt" ermittelt werde, heißt es seitens der Staatsanwaltschaft.

Frage: Wie und wie oft hat die Polizei nach der verschwundenen Tochter gefahndet?

Antwort: Die Polizei hat damals die entsprechenden Maßnahmen, wie die Aufnahme der Vermissten in den Polizeicomputer, eingeleitet. Doch Franz Polzer, Leiter des Landeskriminalamtes Niederösterreich, räumte ein, dass nach Volljährigen - Elisabeth F. war damals 18 Jahre alt - nicht so intensiv gesucht wird; es sei denn, der Abgängige ist selbstmordgefährdet. Selbstgefährdung soll damals nicht der Fall gewesen sein. Die Hinterlegung von Briefen habe sich "wie ein roter Faden" durch die ganze Geschichte gezogen. So habe Elisabeth F. in ihrem Brief geschrieben, dass sie mit dem Vater nicht unter einem Dach leben wollte. Das Gerücht, sie sei in einer Sekte, habe der Vater gestreut oder geschickt für sich genutzt.

Frage: Wie hat sich der Fall für die Polizei dargestellt?

Antwort: Vor ihrem Verschwinden war der Gendarmerie bekannt, dass die Frau schon mit 16 von zu Hause weglaufen wollte. Die Exekutive wusste damals nicht, dass Elisabeth F. sexuell missbraucht worden war. Die Eltern hätten den "Abschiedsbrief" als den ihrer Tochter identifiziert. Bei der Kindesweglegung war wieder ein Brief aufgetaucht, worin Elisabeth F. ihre Eltern bat, sich um das Kind zu kümmern, da sie "dazu nicht imstande sei". "Und wieder gab es das gleiche Spiel mit einem gefälschten Brief, den der Vater geschrieben haben soll. Die Eltern identifizierten erneut die Handschrift ihrer Tochter", sagt Polzer. Die Briefe liegen alle in der Jugendwohlfahrt in der Bezirkshauptmannschaft auf. Noch bis vor einer Woche nahmen die Beamten an, dass Elisabeth F. eine Rabenmutter sei, die ihre Kinder eines nach dem anderen den "armen Großeltern" vor die Haustür legte.

Frage: Wie ging das Adoptionsverfahren vor sich?

Antwort: Laut Josef Schlögl, Vorsteher des Bezirksgerichtes Amstetten, war es ein "schnelles und unauffälliges" Adoptionsverfahren. Die Großeltern gingen zur Jugendbehörde, wo das 1993 aufgetauchte Kind registriert wurde. Die Jugendbehörde habe den Adoptionsvertrag aufgesetzt, den das Bezirksgericht genehmigt habe, so Schlögl. Die Familie galt als intakt und unauffällig, heißt es seitens der niederösterreichischen Kinder- und Jugendanwaltschaft (Kija). "Es hat nie Beschwerden gegeben. Die Familie war ein unbeschriebenes Blatt", betont Gabriela Peterschofsky-Orange von der Kija.

Frage: Was geht aus den Gerichtsakten hervor?

Antwort: Bei dem adoptierten Mädchen, das am 19. Mai 1993 vor dem Haus der Familie gefunden wurde, lag ein Brief. Dieses Schreiben gelte aber vor Gericht nicht als Beweis der Mutterschaft, sagte Schlögl. "Der Nachweis der Mutterschaft erfolgt normalerweise bei der Geburt im Krankenhaus, indem die leitende Hebamme oder ein Arzt diese bestätigt", erklärt der Gerichtsvorsteher. Da das Mädchen in diesem Fall von fremden Personen aufgefunden wurde, galt es für das Gericht als "Findelkind". Es wurde als elternlos behandelt und vorerst in Obsorge des Jugendamtes gegeben. Obwohl in dem Brief Tag und Uhrzeit der Geburt vermerkt waren, konnte aufgrund des Schreibens keine Geburtsurkunde ausgestellt werden. Bei einer medizinischen Untersuchung stellte man einen schweren Herzfehler bei dem Kind fest. Es wurde erfolgreich in einem Linzer Spital operiert. Die Einwilligung zur Operation gab das Jugendamt. Erst ein Jahr nach dem Eingriff wurde das Kind von den Großeltern offiziell adoptiert, geht laut Schlögl aus den Akten hervor.

Frage: Wie oft wurde die Familie von Sozialarbeitern besucht?

Antwort: Von der Auffindung bis zur Bewilligung der Adoption des Mädchens sind der Verdächtige und dessen Frau dreimal von einer Sozialarbeiterin besucht worden. Seit diesem Zeitpunkt sind in den Gerichtsakten keine Besuche mehr vermerkt. Das ist aber laut Schlögl nichts Außergewöhnliches, denn "mit der Adoption endet die Fürsorgepflicht des Jugendamtes und des Gerichts", sagte der Jurist. Da die anderen zwei Kinder, die 1994 und 1997 aufgefunden wurden, von den Großeltern als Pflegekinder aufgenommen wurden, war die Familie trotzdem unter Beobachtung der Jugendbehörde. Im Gegensatz zu Adoptionen erhalten Pflegeeltern ein Pflegegeld vom Staat. Nach Angaben des Bezirkshauptmannes Hans-Heinz Lenze wurde die Familie regelmäßig von einer Sozialarbeiterin überprüft. Man könne dem Jugendamt nichts vorwerfen. (DER STANDARD Printausgabe, 29.4.2008)

  • Bezirkshauptmann Hans-Heinz Lenze (li.) und Franz Polzer vom Landeskriminalamt stellen sich den Fragen der Journalisten. Der mutmaßliche Täter habe die Behörden täuschen können, meint Polzer
    foto: standard/newald

    Bezirkshauptmann Hans-Heinz Lenze (li.) und Franz Polzer vom Landeskriminalamt stellen sich den Fragen der Journalisten. Der mutmaßliche Täter habe die Behörden täuschen können, meint Polzer

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