Kaum Vertrauen in Politik

28. April 2008, 10:34
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Während die Parteien und Politiker schlecht wegkommen, bekommen die gesetzlichen Interessenvertretungen Vertrauen geschenkt

Renaissance der Sozialpartnerschaft: Während die Parteien und die meisten Politiker als auffallend wenig zukunftssicher gesehen werden, bekommen vor allem die gesetzlichen Interessenvertretungen Vertrauen geschenkt. Gering sind die Nennungen für den ÖGB.

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Linz – Mit sich selbst sind die Österreicher in einem hohen Maße zufrieden: 27 Prozent sagen von sich, sie wären mit ihrer derzeitigen Lebenssituation „sehr zufrieden“, 59 Prozent sind immerhin „zufrieden“, und nur jeder Zehnte ist „weniger“ bis „gar nicht“ zufrieden. Das geht aus einer Anfang April durchgeführten market-Umfrage für den Standard hervor.

Die Linzer Marktforscher erhoben in diesem Zusammenhang aber auch, wie die Politik gesehen wird – und mit dieser sind die Österreicher in weiten Bereichen unzufrieden. Das schlägt sich nicht nur in miesen (fiktiven) Schulnoten nieder (dargestellt weiter unten auf dieser Seite), sondern auch in einer pessimistischen Einschätzung von Institutionen und Personen im Hinblick auf deren Gestaltungskraft für die Zukunft.

market fragte 400 Österreicherinnen und Österreicher, wer ihrer Meinung nach eine „klare Vorstellung“ habe, wie es in Österreich langfristig weitergehen soll. „Diese Frage misst in hohem Maße das Zutrauen, das Bürger einer Partei oder einem Politiker entgegenbringen. Klare Gestaltungsvorstellungen sind ein Indiz für Führungsstärke“, sagt market-Chef Werner Beutelmeyer.

Visionär Heinz Fischer

Aber diese Führungsstärke zeigt kaum ein österreichischer Politiker. Zukunftsfähige Visionen werden noch am ehesten Heinz Fischer zugetraut – wobei Beutelmeyer das weniger auf die Publikationen und politischen Positionierungen Fischers zurückführt als auf den enormen Amtsbonus, den sich der Bundespräsident in den letzten Jahren geschaffen hat.

„Auch wenn er wenig ankündigt und sich selten äußert, hält man Heinz Fischer für jemanden, der mit ruhiger Hand nach seinen Vorstellungen das Land steuert“, interpretiert Beutelmeyer. Nur 29 Prozent sprechen dem Bundespräsidenten klare Zukunftsvorstellungen ab.

Die eigentlich zur Führung berufene Instanz wäre allerdings der Bundeskanzler. Von Alfred Gusenbauer sagen aber 30 Prozent, dass er sicher keine klaren Zukunftsvorstellungen hätte, weitere 34 Prozent meinen, er habe „eher keine Zukunftsvorstellungen“. Nur 19 Prozent meinen, Gusenbauer habe „eher schon“ eine klare Vorstellung, und drei Prozent denken, das wäre ganz sicher der Fall.

Diese Einschätzungen sind übrigens ziemlich unabhängig von der konkreten Lebenssituation der Befragten – auch wer persönlich unzufrieden ist, äußert sich nicht besser oder schlechter über den Kanzler als die Zufriedenen. Einen derartigen Einfluss der persönlichen Befindlichkeit der Befragten kann man allenfalls bei Wilhelm Molterer und Heinz-Christian Strache erkennen, die von den unzufriedenen Befragten eine Spur schlechter bewertet werden als vom Rest der Bevölkerung.

Die am besten bewerteten Politiker sind – hinter Fischer – Josef Pröll und Christoph Leitl, die als Einzige überwiegend positive Bewertungen ihrer Zukunftsfähigkeit haben.

„Überraschend gute Noten“ habe er für die Kammern erhoben, sagt Beutelmeyer, der eine Renaissance der Sozialpartnerschaft sieht. Wirtschaftskammer, Arbeiterkammer und Bauernkammer werden als deutlich zukunftsorientierter gesehen als ihre Präsidenten Leitl, Tumpel und Wlodkowski. Und: Alle Kammern schlagen sämtliche Parteien. (Conrad Seidl/ DER STANDARD, Printausgabe, 28.4.2008)

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    foto: derstandard/hendrich
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