"Mehr Eigenverantwortung"

23. April 2008, 10:56
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Seit kurzem ist Immobilienanwalt Stefan Artner Mitglied in der britischen Royal Institution of Chartered Surveyors - Ein STANDARD-Interview

Mit dem geschäftsführenden Gesellschafter bei Dorda Brugger Jordis sprach Gerhard Rodler.

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STANDARD: Seit zwei Wochen sind Sie ein sogenannter MRICS. Was ist das?

Artner: Die "Royal Institution of Chartered Surveyors", kurz RICS, wurde 1868 in Großbritannien gegründet und ist der weltweit führende Berufsverband der Immobilienwirtschaft mit Hauptsitz in London. Weitere Büros gibt es in Brüssel, Hongkong, New York und Sydney. Insgesamt zählt die RICS rund 140.000 Mitglieder weltweit. Die Bezeichnung für diese Mitglieder bzw. Members lautet MRICS.

STANDARD: Was genau sind die Aufgaben der RICS?

Artner: Die Hauptaufgabe ist die Förderung und Regulierung des Berufsstandes der Immobilienbewerter. Außerdem geht es um die Aufrechterhaltung höchster Qualitätsstandards in der Ausbildung und Berufsausübung sowie um den Schutz von Kunden und Verbrauchern durch einen eigenen Verhaltenskodex.

STANDARD: Wie gestaltet sich die Aufnahme in die RICS?

Artner: Der Aufnahme in die RICS geht eine kommissionelle Prüfung voraus, bei der fundierte Kenntnisse über die rechtlichen Aspekte des Immobiliengeschäftes geprüft werden - etwa Bautechnik, Immobilienbewertungsmethoden, aber auch Markttrends. Dazu setzt die Institution hohe Anforderungen an die ethische Einstellung zum Beruf. Während der gesamten Ausbildung und Vorbereitungszeit wird man von einem Counsellor begleitet, der bereits im Vorfeld Wissensdefizite erkennt und Schwerpunkte setzt. Die an sich schwierige Prüfung wird damit gut bewältigbar.

STANDARD: Welche Vorteile bringt eine RICS-Mitgliedschaft mit sich?

Artner: Die RICS-Mitglieder begegnen einander viel vertrauensvoller, weil es ja eine gemeinsame ethische und wissensmäßige Basis gibt. In Österreich gibt es nicht einmal 100 Mitglieder, dennoch ist die Institution auch hierzulande ein Begriff und in Fachkreisen mit einem guten Image verbunden.

STANDARD: Wie kommt ausgerechnet ein Anwalt in eine Vereinigung für Immobilienbewerter?

Artner: Ein Rechtsanwalt muss in gewisser Weise ja Generalist sein, der mit seinen Klienten als externer Berater Dinge reflektiert. Am Anfang stand bei mir jedenfalls das persönliche Interesse. Im Vorjahr hatte ich eine Ausbildung an der European Business School (ebs) über internationale Immobilienbewertung absolviert. Die Mitgliedschaft in der RICS war jetzt der logische zweite Schritt. Auf dem Gebiet der Immobilienbewertung sattelfest zu sein bringt jedem Immobilienanwalt einen enormen Vorteil in der täglichen Arbeit.

STANDARD: Wie erklären Sie sich, dass es in Österreich so wenige MRICS gibt? Sind wir in puncto Immobilienkompetenz hinten nach?

Artner: Nein, die österreichische Immobilienbranche ist im internationalen Vergleich sehr gut aufgestellt. Freiwillige Berufsverbände, die für Qualitätsstandards sowie für eine strenge Selbstkontrolle der Mitglieder bürgen, spielen in Österreich jedoch eine untergeordnete Rolle. Das ist in Kontinentaleuropa generell der Fall, weil hier in der Regel der Staat die Kontrollfunktion übernimmt. In Großbritannien und in den USA wurde von den Berufsgruppen von jeher ein hohes Maß an Eigenverantwortung und Selbstkontrolle verlangt.

STANDARD: Werden die Immofachleute hierzulande in Zukunft also mehr Eigenverantwortung übernehmen?

Artner: Ich bemerke schon jetzt eine deutliche Veränderung. Qualität und nachhaltige Beratung sind wichtig. Die Zunahme an grenzüberschreitenden Immobiliendeals bringt das zwangsweise mit sich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.4.2008)

  • Stefan Artner: "Freiwillige Berufsverbände spielen in Österreich eine untergeordnete Rolle. Hier übernimmt der Staat die Kontrollfunktion. Das ist in Großbritannien und in den USA anders."
    foto: dorda brugger jordis rechtsanwälte

    Stefan Artner: "Freiwillige Berufsverbände spielen in Österreich eine untergeordnete Rolle. Hier übernimmt der Staat die Kontrollfunktion. Das ist in Großbritannien und in den USA anders."

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