"Von Anfang an Hörhilfen"

22. April 2008, 18:51
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Die Entwicklungs­psychologin Gisela Szagun im STANDARD-Interview über den Erwerb der Lautsprache bei Kindern mit Cochlea-Implantaten

Die Entwicklungspsychologin Gisela Szagun hat über den Erwerb der Lautsprache bei Kindern mit Cochlea-Implantaten geforscht. Die Erfolge mit der Hörschnecke sieht sie differenziert. Sabina Auckenthaler sprach mit ihr.

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STANDARD: Wie stehen Sie zu Cochlea-Implantaten?

Szagun: Cochlea-Implantate sind für viele Kinder eine tolle Chance. Allerdings sind die Erfolge differenzierter zu sehen, als sie von Medizinern dargestellt werden. Man kann bei keinem Kind voraussagen, wie die Sprachentwicklung verlaufen wird. Studien zeigen, dass 40 Prozent der Kinder gut in die Lautsprache kommen, über die Hälfte der Kinder aber weit zurückbleibt. Diese Kinder haben, wenn sie über kein anderes Symbolsystem verfügen, Schwierigkeiten.

STANDARD: Wie verhindert man das?

Szagun: Die Kinder sollten von Anfang an sowohl die Laut- als auch die Gebärdensprache lernen. In einigen Ländern wird das auch so praktiziert. Menschen brauchen ein Symbolsystem, sonst leidet die Intelligenz. Für das Gehirn spielt die Modalität der Sprache keine Rolle, die Gebärdensprache ist eine hochgrammatikalisierte Sprache. Wenn die Kinder dann gut in die Lautsprache kommen, entscheiden sie sich wahrscheinlich für diese, weil die meisten Menschen in ihrer Umgebung so sprechen.

STANDARD: Die meisten Mediziner sagen, die Sprachentwicklung der Kinder hängt mit dem Alter der Implantation zusammen. Stimmt das?

Szagun: Die Sprachentwicklung bei einem Kind, das mit drei Jahren ein Implantat bekommt, verläuft im Schnitt besser als bei einem das schon fünf ist. Es gibt aber keine handfeste Evidenz dafür, dass Kinder, die im ersten Jahr ein Implantat bekommen, sich sprachlich besser entwickeln als solche, die im zweiten Jahr implantiert werden. Mehr Einfluss als ein paar Monate früher oder später hat da, wie die Eltern bzw. Bezugspersonen mit den Kindern sprechen. Zum dritten Jahr hin gibt es geringe Unterschiede. Dann allerdings werden sie immer deutlicher. Wenn die Kinder von Anfang an Hörhilfen bekommen, ist es nicht notwendig, sie schon als Babys zu implantieren.

STANDARD: Was spricht dagegen?

Szagun: Bei den Eltern entsteht ein enormer Druck, wenn sie hören, jeder Monat ist ein verlorener in der Sprachentwicklung des Kindes. Eltern brauchen Zeit, um mit der Situation zurechtzukommen, um die Tatsache, dass ihr Kind taub ist, zu betrauern. In manchen Ländern, etwa in Großbritannien, wird die Implantation bei Babys im ersten Jahr kaum durchgeführt, in anderen ist sie nicht erlaubt.

STANDARD: Ihre Studien sind von Medizinern kritisiert worden, u. a. kam der Vorwurf, die Anzahl der Kinder sei zu klein.

Szagun: Ich würde mir niemals erlauben, den operativen Ablauf einer Cochlea-Implantation zu kritisieren. Dafür kenne ich mich auf dem Gebiet der Statistik und der Sprachentwicklung aus. Ich empfinde es als anmaßend, wenn Mediziner mir erklären wollen, wie Statistik funktioniert. Ihre Tests sind häufig unzureichend. Auch der Besuch der Schule, der oft als Erfolgskriterium angeführt wird, muss noch nicht bedeuten, dass das Kind dort gut zurechtkommt. (DER STANDARD, Printausgabe, 23.4.2008)

Zur Person
Gisela Szagun ist Entwicklungspsychologin und bekannt für ihre Studien zum Spracherwerb bei Kindern. Sie lebt in Cambridge.
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    foto: der standard
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