Den "Marathonis" auf den Fersen

23. April 2008, 18:34
8 Postings

In der Prater Hauptallee wurde Ende März schon tüchtig für den Wien-Marathon trainiert – Staffel-Reportage,
Teil 2

Nach dem Schönbrunner Schlosspark stattete derStandard.at-Redakteur Martin Putschögl ein paar Wochen später auch der Lauf-Location Prater-Hauptallee freitagabends einen Besuch ab. Im Folgenden sein Bericht.

***

Die Prater Hauptallee präsentiert sich düster und still an diesem Abend. Wenige Jogger traben fast lautlos vorbei, ein Streifenwagen der Polizei fährt in der Fahrbahnmitte im Schritttempo Richtung Lusthaus. Die schnurgerade aufgefädelten Straßenleuchten treffen sich mit ihrem Widerschein auf dem nassen Asphalt in der Unendlichkeit.

Der Vienna City Marathon am 27. April wirft seine Schatten voraus. Wer die 42,195 Kilometer laufen will, sollte vier Wochen davor schon voll im Training sein - alles andere wäre reinstes Hasardieren.

In der Hauptallee sollten sich - nach den gescheiterten Versuchen in Schönbrunn, siehe Teil 1 - doch ein paar Läufer finden, die beim Marathon antreten werden. Es ist 17 Uhr 30 und es schüttet - perfekte Verhältnisse für meine Zwecke.

Der Top-Manager hat das Handy dabei

Schon der erste Versuch ist von Erfolg gekrönt: Tim Brett trainiert für den Marathon, er wird heuer zum dritten Mal in Wien mitlaufen. Das sieht der smarte Brite - wir parlieren in Englisch - auch gewissermaßen als Pflicht an. Denn als General Manager von Marathon-Sponsor Coca Cola wird er an der Spitze eines Firmenteams mit rund zehn Startern antreten.

Brett hat eine schwarze Haube auf, eine rote Windjacke an und bewegt sich sichtlich im grünen Bereich. Mühelos und ohne atemtechnisch aus dem Konzept zu kommen, plaudert er auf dem Weg Richtung Praterstern bei gehobenem Tempo. Dreimal die Woche versuche er, laufen zu gehen, meistens hier in der Hauptallee.

Nach ein paar Minuten läutet es. Brett zieht ein Handy aus der Jacke, hebt ab und wechselt ein paar Sätze mit dem Anrufer. Er bleibt dabei in vollem Lauf der jederzeit erreichbare Firmenchef. Der schnellste Marathonläufer seines Firmenteams sei er übrigens nicht, aber mit einer Bestzeit von 3:37 Stunden ist er vorne dabei.

Profis und Diabetiker

Dann kommt Benno des Wegs, ein absoluter Profi und "alter Hase" im doppelten Sinn: Den Wien-Marathon ist er schon ein Dutzend Mal gelaufen, heuer gibt er den "Pace-Maker" (Tempomacher) für eine Spitzensportlerin. An diesem Freitag war er auch vormittags schon unterwegs, 8.000 Meter in der Hauptallee. Die Langstrecke trainiert er oft in der Lobau.

Benno trägt eine helle Kappe und die eng anliegende Läuferkluft. Sein etwas verbissener Gesichtsausdruck zeugt von Entschlossenheit, seine Antworten auch. "Wir Profis dürfen uns kein Gramm Fett erlauben", deswegen spule er pro Woche 120 Kilometer herunter. Idealerweise zur Wettkampfzeit, also in der Früh - was er auch Hobbyläufern empfiehlt. "Samstags und sonntags geht sich das bei jedem aus", unter der Woche müsse man sich das eben ein bisschen einteilen.

Wenige Minuten später läuft Helga Raunicher "dem Diabetes davon". Die freundliche Dame ist Mitglied einer Diabetiker-Lauf-Gruppe. Zweimal lief sie den Wien-Marathon schon (über ihren Lauf 2002 gibt's einen Bericht im Internet). Heuer ist ihr Start noch ungewiss - "ich fühle mich noch nicht fit genug", sagt sie. Ihr Ziel ist, jedenfalls den Halbmarathon zu schaffen. Helga trainiert unregelmäßig, entweder hier in der Hauptallee oder in Schönbrunn. Ihr Tempo ist nach dem Sprint mit Benno eine Wohltat. Sie muss es wegen der neugierigen Fragen des Journalisten etwas langsamer angehen.

Ganz sicher nicht wird jedenfalls Fritz Schubert den heurigen Marathon laufen. Den Halbmarathon eher auch nicht. Der schon etwas ältere Chemie-Großhändler mit weißem Bart und Schlabber-Outfit joggt, um Gewicht zu verlieren – von 105 kg hat er schon auf 90 abgespeckt. Auch Herr Schubert ist Typ-II-Diabetiker, sein Hauptproblem: Er isst gerne gut.

"3:30 wäre gute Zeit für eine Frau"

Fünf Minuten und zwei Lokal-(Geheim!)tipps später joggt in der schon nächtlich-düsteren Hauptallee Julia, eine sportliche, attraktive ca. 25-Jährige vorbei. Für's Interview angesprochen, erschrickt sie leicht - nimmt ihre MP3-Player-Ohrstöpsel ab und bleibt stehen. Laufen ist für sie nur Hobby; der Marathon ist kein Thema. Dabei hätte sie mit Sicherheit den nötigen Ehrgeiz, möglicherweise sogar zuviel davon: "Der Marathon wäre nur interessant für mich, wenn ich es unter 3:30 schaffe – und das geht sich nicht aus." Die unvermeidliche Nachfrage beantwortet sie mit: "Weil das eine gute Zeit wäre für eine Frau." (Martin Putschögl, derStandard.at, 28.3.2008)

  • Anfangs noch dämmrig, wurde die Hauptallee...
    foto: putschögl

    Anfangs noch dämmrig, wurde die Hauptallee...

  • ...rasch von der Dunkelheit heimgesucht. Wegen der guten Beleuchtung kommen auch spätabends viele Läufer hierher.
    foto: putschögl

    ...rasch von der Dunkelheit heimgesucht. Wegen der guten Beleuchtung kommen auch spätabends viele Läufer hierher.

  • Tim Brett, General Manager Coca Cola Alpine Region, läuft heuer zum dritten Mal den Wien-Marathon am 27. April.
    foto: putschögl

    Tim Brett, General Manager Coca Cola Alpine Region, läuft heuer zum dritten Mal den Wien-Marathon am 27. April.

Share if you care.