Neue Aufklärung tut not

23. April 2008, 13:14
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Ist das Christentum im Kapitalismus auf- und untergegangen? Antwort von Peter Winzeler auf Gerhard Senft

Neue Aufklärung tut not. Den Kapitalismus mit "Mitteln des Ordoliberalismus überwinden", hieße ja dem ausgewachsenen Eisbären des Neoliberalismus mit den Tatzen des niedlichen Knut die Faxen austreiben wollen. Der alte Ordo-Liberalismus war eine höchst zeitbedingte Kampfansage an den aufkeimenden demokratischen Sozialismus mit dem aggressiven Fernziel, jede Mauer mittels des "Marktpreises" zu zertrümmern, sofern nur die eigene nationale Sicherheit gewährleistet bleibe (s. Fr. A. von HAYEK, Der Weg zur Knechtschaft 1946; Neuaufl. 1991; Benjamin WARD, Die Idealwelten der Ökonomen 1986). Auch deshalb konnte weder der Dritte Weg von Prag (1968), noch eine gesamtdeutsche Verfassungsrevision (1990) der NZZ mehr als ein müdes Lächeln entlocken.

Gottlob hat sich das Christentum noch nicht "in den Kapitalismus umgewandelt". Nur ist es, wie Jakob dem Esau, stets sein (jüngerer) Zwillingsbruder gewesen. Dem römischen Kapitalismus der unproduktiven Sklavenhaltung und der in Rom versteigerten weltweiten Steuerpachten – die erste Form des freien Marktes ! - setzte die Urchristenheit die allgemeine Menschenwürde und einen Kommunismus des gemeinsamen Gütergebrauchs entgegen (der Chrästianer Apostelgeschichte 11,26) unter moralischer Ächtung, aber nicht Aufhebung des Privateigentums. Nach dem römischen Staatsbankrott triumphierte das Christentum in genossenschaftlichen Produktionsformen, die den Wucherzins ächteten, aber produktive Darlehen mit "Fruchtzinsen" bzw. Nutzniessungsrenten (usufructum) belohnten, die den Regeln des jüdischen Gnadenjahres, des geteilten Risikos und beidseitigen Nutzens (lat. inter-esse) entsprachen (Thomas von Aquin und Luthers Schriften wider den Wucher). Der versilberte Fruchtzins war ein arbeits- und ertrags-abhängiger Ernteanteil und nicht Ausdruck "unproduktiver" Naturalwirtschaft. Erst Dr. Eck, Theologe des Bankhauses Fugger (von Luther "Dreck" genannt) legitimierte einen Kapital-abhängigen Zinsfuss, sofern der Geldgeber seinen moralischen Fruchtzehnten gegen einen risikofrei zugesicherten "minderen" Zins (5 % des Pfandgutes) eintauschen dürfe. Für den kleinen Mann hieß das, "seine Arbeit einem andern verkaufen" (Zwingli). Für Calvin war der Zins von maximal 5 % nur ein Richtwert, der den Refugianten ein Grundeinkommen und notwendige Investitions- und Sozialfonds sichern sollte.

Protestantische Askese

Max Weber hat ganz recht gesehen, dass ohne diese "protestantische Askese" der kleinen und mittleren Unternehmen der moderne Kapitalismus nie auf einen grünen Zweig gekommen wäre, ja dass es der "autoritären" Doktrin Calvins (wie Bismarcks und Lenins !) bedurfte, um die zähen "antikapitalistischen" Bindungen der Frommen zu überwinden. Der Glaube an die unsichtbare Hand war bei Adam Smith von moralischen Überresten der Vorsehung genährt und erfüllte alle Merkmale einer neuprotestantischen Häresie (Karl Barth), deren Enthüllung durch W.Benjamin ich nicht widerspreche, außer, dass der in der Thora manifestierte Bundesgott nun durch das schlechthin Nichtige ersetzt ist: eines ohne verantwortliches Subjekt prozessierenden Kapitals, das den mörderischen Zugriff auf Erde und Menschen idolatrisch in "naturgegebenen" Faktorpreisen von Boden (Rente), Kapital (Zins) und Arbeit (Lohn) verhüllt (s. Karl Marx). So gesehen ist Karl Marx der letzte Scholastiker, Reformator und Prophet, der das verschleierte Wertgesetz von Grundschulden, Arbeit und Mehrwerten noch durchschaute.

Im Neoliberalismus werden auch die Gebote der intellektuellen Redlichkeit über den Haufen geworfen (als habe Marx eine "Arbeitskosten"-Lehre vertreten) und der Zins aus einem Tauschwarengeld hergeleitet (Milton Friedman), das jeder analytischen Vernunft bezüglich Zahlungsmitteln und der Geldschöpfung durch Grundpfänder, Gülten (Obligationen) und Bürgschaften spottet. Das Resultat haben wir heute sichtbar vor Augen. Mir bleibt fraglich, ob lokale Heilkuren des verfallenden Tauschwarengeldes (Gesell) oder globale der bastardkeynesianischen Negativzinspolitik (Greenspan) tragfähiger seien als die antizyklischen Preisbildungsregeln der Halljahresperiode, in der alle Grundschulden nach 50 Jahren verfallen (Leviticus 25), die noch im kommunalen Bodenrecht Helvetiens überwintern (befristete Bodenpachten des öffentlichen Baurechtes).

Diktat der national-globalen Sicherheit

Resümee: Noch jede "spontane" Markttätigkeit, die der Neoliberalismus als paradiesische Naherwartung herauf beschwört, ist von gigantischen Bodenverpfändungen und Staatsverschuldungen abhängig, die heute unter dem Diktat der national-globalen Sicherheit den Arbeits- und Warenmarkt alimentieren und zugunsten weltweiter Monopole regulieren. Nur die Kreditblindheit der Gläubigen kann diese Hauptursache der Globalisierung ausblenden oder als "Fremdkörper" der reinen Lehre geißeln, dem das heutige Marktversagen anzulasten wäre, statt aus der Idealwelt auf den Erdboden der arbeitenden Menschen zurück zu kehren und den realen Machtfragen des unbefristeten Eigentums auf den Grund zu gehen. Ohne die verhasste ‘jüdische‘ Beschneidung des ‘natürlichen‘ Eigentumsprivileges bleiben Zinsbeschränkungen kosmetisch und ohne nachhaltige Wirkung.

Peter J. Winzeler, geb. 1948, reformierter Pfarrer und Honorarprofessor an der Theol. Fakultät der Universität Bern. Studium in Zürich und Berlin, Promotion und Habilitation am Fachbereich Philosophie und Sozialwissenschaften der FU Berlin. Publikationen über die Theologien Zwinglis und Karl Barths und Themen von Reformation und Wirtschaftsethik (im Kontext von Karl Marx und der Weber-These) mit Vorträgen – auch in Wörgl - über den Nutzen der jüdischen Halljahresökonomie. Abrufbares Schriftenverzeichnis
  • Peter Winzeler
    foto: universität bern

    Peter Winzeler

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