Ausdrucksform des Humanen

28. April 2008, 12:00
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Die viel zu wenig beachtete achtbändige Werkausgabe Jean Amérys wird nun mit einer Auswahl seiner Briefe abgeschlossen

Wer schreibt heute noch Briefe? Die Tätigkeit selbst hat nachgerade etwas Widerständiges bekommen. Denn um einen Brief zu schreiben, muss man sich die Zeit nehmen, die keiner mehr zu haben glaubt; man hat sich schreibend unter jene sprachliche und gedankliche Zucht zu begeben, die uns beim technologisch beschleunigten Austausch von Informationen verlorengegangen ist, und wir müssen uns des Bildes besinnen, das wir vom Empfänger haben und das wir ihm von uns selbst geben möchten. Briefe zu schreiben, selbst wenn diese frech oder grob geraten, setzt ein gewisses Maß an Respekt voraus, den Respekt nämlich, dass der Empfänger des Briefes einem immerhin die Mühe wert war.

Jean Améry hat schon 1976 in dem Essay Der verlorene Brief den Niedergang "einer Ausdrucksform des Humanen" beklagt, damals, als die Briefkultur nur von Telefon, Fernschreiber und Telegramm bedroht, nicht aber durch die Entwicklung des Internets nahezu zerstört war. Was ihm am Brief teuer war: dass er einer Sphäre angehört, in der die Devise "Zeit ist Geld" nichts gilt – und dass er dem, der ihn verfasst, die Gelegenheit zur "Selbstkonstitution" gibt. Egal worüber geschrieben wird, im Brief wird ja nicht nur Information übermittelt, sondern immer auch Identität entworfen.

Rund tausend Briefe haben sich von Jean Améry aus dem Zeitraum zwischen 1945, als er aus Auschwitz befreit wurde, und 1978, als er in einem noblen Salzburger Hotel in den Tod ging, erhalten. 327 davon hat Gerhard Scheit für den Band mit Briefen ausgewählt, der jetzt die viel zu wenig beachtete Ausgabe mit Werken Jean Amérys in acht Bänden beschließt. Die "Selbstkonstitution", wie ist sie dem 1912 in Wien geborenen Hans Mayer, der sich seit 1955 dauerhaft Améry nannte, gelungen? Wie hat er, der noch 1937 schrieb, niemand werde ihn je aus Österreich wegbringen, und der schon im Jahr darauf flüchten musste, wie hat er brieflich versucht, sich selbst neu zu entwerfen – als Überlebender, der wusste, dass ihm die Selbstverständlichkeit des Lebens unwiederbringlich dahin war? Als Exilant, der die "Emigration nicht für ein Lebensprogramm" hielt; als Essayist, der sich gleich 1945 auf die Suche nach dem verlorenen Manuskript seines Jugendromans begab und der 1978 darüber verzagte, dass ihm auch der Roman Charles Bovary, Landarzt nicht die gebührende Anerkennung als Erzähler eintragen würde?

Der erste Brief datiert aus dem Jahr 1945. Améry war mit "45Kilogramm Lebendgewicht und im Zebra-Anzug" nicht zurück nach Österreich, sondern nach Brüssel gegangen und hatte dort erfahren, dass seine Frau Gina in ihrem Versteck an einer Herzerkrankung gestorben war. Nun teilt er dem Ehepaar Maria und Rudolf Leitner, das sich 1941 nach New York gerettet hatte, brieflich mit: "Ja, ja, ich bin es schon, Hans Mayer, den Ihr in Antwerpen gekannt habt. Nur die Grüße an Gina kann ich nicht mehr bestellen, denn sie ist tot." Sein letzter Brief, 33 Jahre später, wird wieder an Maria Leitner adressiert sein, die ihren Ehemann verließ, um 1948 von New York zu ihrem Briefpartner nach Brüssel zu ziehen, ihn zu heiraten, fortan seine Manuskripte zu tippen und mit ihm die finanzielle Misere, die viel zu kleinen Wohnungen und die seelische Not zu teilen. Am 16. Oktober 1978, ehe er das tödliche Gift nimmt, um den Freitod, den er in seinem Traktat Hand an sich legen als "unveräußerliches Menschenrecht" gerechtfertigt hatte, zu vollziehen, schreibt er seiner "geliebten Herzilili" einen ergreifenden Brief, in der Hoffnung, "dass Du mich auch dieses letzte Mal verstehen wirst".

Über die Motive dieses Freitods ist viel spekuliert worden. Gewohnheitsmäßig wird behauptet, da sei einer, der der Hölle von Auschwitz und Bergen-Belsen entronnen war, dem Grauen doch noch erlegen. Die Nachrufe deuteten sein Ende stets in diesem Sinne, als hätte Améry den ihm von den Nationalsozialisten zugedachten Tod mit Verspätung selbst nachgeholt. Das ist richtig und greift doch zu kurz. Dank der fulminanten Biografie von Irene Heidelberger-Leonhard wissen wir, dass Améry schon viel früher mit der Idee des Freitods eigentümlich vertraut war und dass zur nie verheilenden Wunde Auschwitz noch ganz anders geartete Verletzungen und Kränkungen kamen. Von ihnen ist im Briefband auf verstörende Weise die Rede.

1945 ist es die Liebe, die Améry zwar nicht aus seiner Verzweiflung rettet, aber wohl am Leben erhält. In seinen Liebesbriefen zeigt der gestrenge Stilist eine Neigung zum kindlich ausgelassenen Wortspiel. Dem "Mopserl", wie er Maria Leitner nennt, schickt er als "blutarmes Haserl" gerne agrammatische Liebesgrüße, mit denen er sich ihrer intimen Vertrautheit versichert. Die Ehe war kinderlos, Améry hatte, lange vor seiner Folterung durch die Nazischergen, geradezu eine Genophobie ausgeprägt, die sich als veritable Abneigung gegen Kinder, ja gegen die bloße Idee der Fortpflanzung und als pathologischer Ekel vor Schwangeren äußerte. Das Ehepaar sammelte jedoch kleine kitschige Tiere aus Stoff und Plüsch, die Améry seine "Fetzenkinder" nannte und die in seiner Korrespondenz eine kurios bedeutende Rolle spielen. Unvorstellbar, dass sich der scharfe Selbstanalytiker nicht darüber klar war, in der Liebe zu den Stofftieren eine bizarr verrenkte Form von Vaterschaft auszuleben. Im Postscriptum seines letzten Briefes, den er "sterbend in Schuld" verfasste, verabschiedete er sich von der Ehefrau mit der Bitte: "Schmeiß die Fetzenkinder nicht weg".

Die meisten Briefe hat Améry an seinen Namensvetter und Lebensfreund Ernst Mayer gerichtet. Mit ihm war er seit der Schulzeit befreundet, als angehende Dichter hatten sie 1934 gemeinsam die Zeitschrift Die Brücke herausgebracht. Über die langen Jahre des Briefwechsels sehen wir, wie der eine, Améry, zu einem Ruhm gelangt, an dem er keine Freude hat, weil er dem Essayisten, Philosophen und politischen Intellektuellen, dem "ewigen Leidensjuden" gilt, nicht dem Dichter, und aus dem ande-ren ein Hofrat und Landesschulinspektor wird, der dem Freund die materielle Sicherheit voraushat, aber daran leidet, die literarische Berufung aus den Augen verloren zu haben. So schreiben sie einander Briefe, als würde einer dem anderen die neuesten Eintragungen in seinem Tagebuch zeigen. Sorgfältig werden jedes Jahr die gemeinsamen Urlaube geplant; zwei Jahre nach Améry geht auch sein vertrautester Freund in den Freitod, den Selbstmord zu nennen sich Améry stets geweigert hat.

Keinem anderem hat Améry so unverstellt geklagt, woran er leidet, so ungeschützt gestanden, wonach er sich sehnt. Dem Freund gesteht er, wie schwierig sich jene Ehe zu dritt gestaltete, auf die er seine Frau Maria verpflichtete, als er im Alter in Liebe zur jungen amerikanischen Germanistin Mary Cox-Kitaj entbrannte – "die letzte Leidenschaft eines alten Mannes", der "diese Passion (im doppelten Wortsinne) braucht wie das Brot im KZ, um überhaupt noch Arbeits- und Geisteskräfte zu mobilisieren". Und es ist Mayer, dem er klagt, dass die neue Linke, der er in Diskussionsveranstaltungen klarmachen wollte, wie viel Antisemitismus sich in ihrem vermeintlich aufgeklärten Antizionismus verbarg, ihn "auspfiff, weil ich für Israel eintrat".

Erhellend ist aber nicht nur die persönliche, sondern auch die geschäftliche Korrespondenz Amérys. Die Briefe an den Schriftsteller Helmut Heißenbüttel und den Herausgeber des Merkur, Hans Paeschke, zeigen, wie penibel Améry, der es trotz aller Produktivität und allen Fleißes nie in finanziell gesicherte Verhältnisse brachte, seine Arbeit organisieren musste. Bahnbrechende Bücher wie Jenseits von Schuld und Sühne oder Vom Altern hätte er nicht verfassen können ohne die treue Bereitschaft Heißenbüttels, die nach und nach entstehenden Kapitel zuerst im Süddeutschen Rundfunk zu senden, um sie dann Paeschke zum Vorabdruck im Merkur zu übermitteln. Nur so kam Améry, der zeitlebens zwei, drei Artikel pro Woche verfertigte, zu dem Geld, das er für die Arbeit an Buchprojekten benötigte.

In seinem Essay aus dem Jahr 1976 klagte Améry darüber, dass mit "dem Verfall der Briefkultur auch der Niedergang der guten Sitten" einhergeht: "Nichts ist demütigender als das ins Leere gesprochene Brief-Wort." Er erwähnt, einmal einen Brief an Günther Grass geschrieben und keine Antwort erhalten zu haben. Was er nicht erwähnt: Einmal, ein einziges Mal hat er auch seinem großen geistigen Anreger Sartre einen Brief geschrieben, den dieser von seinem Sekretär beantworten ließ. Was sich darin erweist, wenn jemand Briefe nicht beantwortet? Eine "höchst verabscheuenswerte humane Indifferenz". Diese wollte sich Améry selbst nicht zuschulden kommen lassen, und so scheint er tatsächlich auf alle Briefe, die ihn erreichten, geantwortet zu haben.

1974 hatte Améry den Roman Lefeu oder Der Abbruch vorgelegt. Kaum begreiflich, was er, auf dem Gipfel seines Ruhmes und vielleicht der berühmteste Essayist seiner Zeit, damals fürchten zu müssen glaubte: "Beunruhigend ist Reich-Ranicki, von dem ich nur hoffen will, dass er sich nicht beckmessernd über meine Arbeit hermacht ..." So viel Lob und Anerkennung konnte er gar nicht bekommen, dass er nicht auf den einen Verriss versessen war. Und er kam, zuverlässig, als hochmütige, demütigende Abkanzelung unter dem Titel: "Schrecklich ist die Verführung zum Roman."

Vier Jahre später, 1978, wagt er es noch einmal mit einem Roman, im Herbst soll er erscheinen, Charles Bovary, Landarzt. Es wird ein Schreckensjahr. Winter, Frühling, Sommer, ein Vortrag nach dem anderen, "Bahnhöfe, Flugplätze, mehr oder weniger öde Hotelzimmer, ungeduldiges Warten ..." Warten auf den Herbst und darauf, ob es gelingen würde, endlich auch als Romancier wahrgenommen zu werden, denn "ich bin ein sich Wandelnder und will nicht ewiglich mir den Mund mit dem Etikett Essayist verkleben lassen." Vernünftig mit Améry zu reden, dass sein Lebenswerk auch ohne diesen Roman Bestand haben werde und schon gar den Beifall der Großkritik nicht benötige, war für seine Freunde, Gefährten, Bewunderer nicht möglich. Er wollte es nicht wissen. Das Buch erscheint, und Jean Améry beschließt, die Rezensionen nicht abzuwarten. Bei der Direktion des Hotels, in dem er "den Weg ins Freie" nimmt, entschuldigt er sich brieflich in akkurater Handschrift "für die Umstände, die er bereitet". (Karl-Markus Gauß, ALBUM/DER STANDARD, 19/20.04.2008)

Jean Améry, "Ausgewählte Briefe. 1945–1978. (Hg. von Gerhard Scheit). Werke Band 8. € 35,00 / 804 Seiten. Klett-Cotta, Stuttgart 2008.

Zur Person:Karl-Markus Gauß (Jg. 1954) lebt als Autor und Herausgeber in Salzburg. Zuletzt erschien bei Zsolnay das Journal "Zu früh, zu spät".
  • Das Nichtbeantworten von Briefen als "höchst verabscheuenswerte humane Indifferenz": Jean Améry.
    foto: klett-cotta

    Das Nichtbeantworten von Briefen als "höchst verabscheuenswerte humane Indifferenz": Jean Améry.

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