"Verschenke meine Wohnung"

19. April 2008, 14:00
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In den vergangenen zehn Jahren wurde in Spanien gebaut wie verrückt. Spekulation trieb die Preise enorm in die Höhe. Jetzt sind viele Spanier hochverschuldet

Seseña, ein 12.000-Seelen-Dorf 40 Autominuten vor den Toren Madrids, galt als Symbol für den spanischen Spekulationsboom mit Immobilien schlechthin. 13.500 zusätzliche Wohnungen für 50.000 Menschen sollten hier auf der grünen Wiese errichtet werden.

Lokalpolitiker wurden bestochen, andere bedroht. Jetzt, da Spaniens Spekulationsblase platzt, ist Seseña wieder ein Symbol. Die 5000 fertiggestellten Neubauten drohen zu einer weithin sichtbaren Bauruine zu verkommen. Viele der Wohnungen wurden gekauft, um damit zu spekulieren oder um sie zu vermieten. Jetzt will sie keiner mehr. Und wer hier hergezogen ist, will weg.

"Zu verkaufen" steht überall, auch auf dem Balkon von Josés Wohnung. Er wollte die Wohnung vermieten und so den Kredit abzahlen. Doch es fand sich niemand. Monatelang hatte er Anzeigen in verschiedenen Zeitungen aufgegeben. Vergebens. Er trat vom Kauf zurück und verlor mehrere Tausend Euro Anzahlung. Wie hoch diese genau war, verschweigt er am Telefon. Zu groß ist die Scham.

Die Wohnung ist nichts mehr wert

Andere trifft es noch schlimmer. So etwa Blas Vicente aus Ripollet nahe Barcelona. Seit fast einem Jahr zahlt die fünfköpfige Familie brav den Kredit ab, jetzt steckt sie in Geldnöten. "Ich verschenke meine Wohnung mit allem, was ich bereits bezahlt habe", inseriert Vicente. Der neue Besitzer müsse nur den Rest der Hypothek abbezahlen. Doch niemand beißt an. Denn die Wohnungspreise in Ripollet sind infolge der Krise in nur einem Jahr um fast 30 Prozent gefallen. Die Wohnung der Familie ist nichts mehr wert.

Nicht nur Privatverkäufer, auch die Großen der Immobilienbranche haben Probleme, ihre Wohnungen zu verkaufen. Auf der gerade zu Ende gegangenen Immobilienfachmesse in Madrid, der größten Spaniens, gab es allerlei Lockangebote. "Ein Jahr ohne Raten", "ein Einkaufsgutschein für Möbel im Wert von 12.000 Euro" oder "ein Kleinwagen mit ihrer Wohnung", lauteten nur einige davon.

Der Grund ist einfach. Nirgendwo in Europa hat der Bausektor im letzten Jahrzehnt so geboomt wie in Spanien. Die Wohnungspreise stiegen um bis zu 500 Prozent. Wer sich überhaupt noch eigene vier Wände leisten kann, ist restlos überschuldet. Der Zyklus geriet so an sein Ende.

Im ersten Quartal 2008 wurden 28 Prozent weniger Wohnungen verkauft als im Vergleichszeitraum 2007, die Preise fallen. Der Bausektor, bisher der Motor des außerordentlich hohen Wirtschaftswachstums in Spanien, gerät in die Krise. Die Arbeitslosigkeit steigt rasant.

60 Prozent der Kredite für Immobilien

Die Geldinstitute bekommen es mit der Angst zu tun. Miguel Blesa spricht offen aus, was andere verschweigen: "Der Anteil der Backsteine in den Bilanzen macht Angst", erklärt der Präsident der größten spanischen Sparkasse, Caja Madrid.

Zwar gibt es in Spanien keine Risikohypotheken wie in den USA, doch war die Politik der Banken bei der Kreditvergabe alles andere als rigoros. Viele Geldinstitute finanzieren Wohnungen ohne Anzahlung.

Jetzt rächt sich diese Politik. Insgesamt stehen die Spanier bei den Banken mit einem Betrag in der Kreide, der dem BIP des Landes entspricht. 60 Prozent der Bankkredite entfallen auf Immobilien. Genau aus diesem Bereich melden die Geldinstitute Zahlungsrückstände von insgesamt 6,1 Milliarden Euro. Noch liegt die Zahlungsunfähigkeit bei nur einem Prozent. Doch die Vorhersagen sprechen von bis zu fünf Prozent zum Jahresende. Die Rücklagen der Banken für solche Fälle wären dann aufgebraucht. (Reiner Wandler aus Madrid, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19./20.4.2008)

  • Mit dem Platzen der Spekulationsblase könnten in Spanien viele neuerrichtete Wohneinheiten zu Bauruinen verkommen. Viele Spanier sind hochverschuldet und haben andere Sorgen, als neue Wohnungen zu kaufen.
    foto: standard/rw

    Mit dem Platzen der Spekulationsblase könnten in Spanien viele neuerrichtete Wohneinheiten zu Bauruinen verkommen. Viele Spanier sind hochverschuldet und haben andere Sorgen, als neue Wohnungen zu kaufen.

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