Studie: Biosprit schädigt Klima

8. Mai 2008, 15:09
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Die Freisetzung des Treibhausgases N20 aus landwirtschaftlich genutzten Böden macht die Einsparung an fossilem CO2 zunichte

Wien - Agrotreibstoffe sind in ihrer derzeitigen Verwendung bedingt bis gar nicht ökologisch sinnvoll und unmenschlich, so die Meinung der Experten bei einer Parlamentsenquete der Grünen zum Thema "Bio-Treibstoffe - Bedrohung oder Segen" am Freitag. Dem widerspricht einmal mehr die Landwirtschaftskammer. Sie regte an, in Zeiten hoher Nahrungsmittelpreise den Bemischungsgrad von biogenen Treibstoffen zu reduzieren. Verkehrsstaatssekretärin Christa Kranzl (SPÖ) hielt am Freitag in einer Aussendung fest, dass das Abrücken von den derzeit geplanten Beimischungsgraden kein Tabu sei.

Einigkeit herrschte bei der Enquête darüber, dass die Forschung in Richtung Biokraftstoffe der zweiten Generation vorangetrieben werden müsse. Denn dann sei es möglich, Pflanzen für die Energiegewinnung zu verwenden, die nicht als Nahrungsmittel geeignet sind. Biodieselproduzenten erinnerten daran, dass in Österreich bereits jetzt ein riesiges Potenzial an Alt-Speiseölen bestehe, das aber derzeit kaum genutzt werde.

Lobbying

Kritik kam in diesem Zusammenhang von den Grünen, die Landwirtschafts- und Umweltminister Josef Pröll (ÖVP) vorwerfen, beim Biosprit "Interessenspolitik der Agrarindustrielobby" zu betreiben. Sie kritisieren, dass Pröll an den über den EU-Vorgaben liegenden Beimischungsgraden festhält. Wie berichtet plant die EU bis 2020 einen Beimischungsgrad von 10 Prozent, während Pröll diesen bereits 2010 erreichen will. Die Grünen schlagen vor, die Agrotreibstoffe künftig in erster Linie in der Landwirtschaft einzusetzen, etwa als Treibstoff für Traktoren.

Laut der Agrarökonomin Gertrude Klaffenböck von der Nichtregierungsorganisation FIAN treibt der Treibstoff jetzt schon Millionen Menschen in die Flucht und in sklavenähnliche Arbeitsbedingungen. So sei in Paraguay ein Drittel des Anbaugebietes für Biotreibstoff-Planzen durch die Vertreibung der Kleinbauern entstanden. "Die Verletzung des Rechts auf Nahrung ist kein Kavaliersdelikt. Sie ist ein direkter Angriff auf die Würde von Menschen", so Klaffenböck.

"Ökologisch wenig sinnvoll"

Deutliche Worte fand auch Michael Narodoslawsky von der TU Graz: "Die derzeitige Diskussion über Biotreibstoffe zeigt, dass ein einfacher Einsatz fossiler Rohstoffe durch nachwachsende Ressourcen wirtschaftlich fragwürdig, sozial gefährlich und ökologisch wenig sinnvoll." Demnach sei der ökologische Fußabdruck konventioneller Biotreibstoffe nur geringfügig besser als der von Benzin und Diesel. Biotreibstoffe der kommenden Generation würden dieses Verhältnis aber verbessern, so der Professor.

Hermann Schultes, Vorsitzender des Energieausschusses in der Landwirtschaftskammer, verwies bei der Enquete darauf, dass lediglich 4,5 Prozent der weltweiten Getreideernte für Agrotreibstoffe verwendet würden. Weiters könnten durch die Verwendung heimischer Getreideschlempe und Raps gewaltige Mengen an Futtermittelpflanzen einsparen, da sich die Nebenprodukte der Biospriterzeugung für Futtermittel eignen. Zur Diskussion, ob Biotreibstoffe die Nahrungsmittel treiben, betonte Schultes, dass auf Grund rückläufiger Agrarpreise in den vergangenen Jahren die Produktionsflächen weltweit reduziert wurden. Attraktive Preise würden also für eine höhere Versorgungssicherheit sorgen. "Tank und Teller sind möglich", sagte Schultes.

Preisschub bei Nahrungsmittel

Der vermehrte Einsatz von Biosprit mache nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch den Sprit selber teurer, meinte Markus Hofreither von der Universität für Bodenkultur (Boku). "Jede Ausweitung dieser Produktionslinien als Folge steigender Rohölpreise führt tendenziell zu Preissteigerungen bei Agrarprodukten, die nicht nur Nahrungsmittel, sondern auch die biogener Treibstoffe weiter verteuern", so Hofreither. Weiters erinnerte er an die Exportabhängigkeit bei Agrotreibstoffen. "Zur Erreichung der ambitionierten Ziele des österreichischen Biomasse-Aktionsplan müssen bis zu 90 Prozent der erforderlichen Biomasse importiert werden", erklärte der Boku-Professor.

Boku-Kollege Winfried Blum wies in seinem Redebeitrag auf die ständig zunehmende Versiegelung von Flächen hin. Zwölf Prozent der weltweiten Fläche versorgen den ganzen Globus mit Nahrungsmitteln, wobei 70 Prozent der Flächen im Norden liegen - also in Europa und Nordamerika. Und gerade dort ist der Druck Flächen zu verbauen besonders groß. "Wir machen uns große Sorgen um die Bodennutzung. Jeden Tag werden 10 bis 12 Hektar aus der landwirtschaftlichen Nutzung herausgenommen und verbaut", so Prof. Winfried Blum.

Der Wissenschafter Wilfried Winiwarter zeichnete ein besonders düsteres Bild für den Einsatz von Agrotreibstoffen - was von Vertretern aus dem Agrar- und Biodieselsektor als unseriös zurückgewiesen wurde. "Unter Bedingungen üblicher landwirtschaftlicher Praxis macht allein die Freisetzung von Lachgas aus landwirtschaftlichen Böden die Einsparung an fossilen CO2 zunichte", sagte Winiwarter. Lachgas sei als Treibhausgas 300-mal so wirksam wie CO2. (APA)

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