Ein Platz an der Sonne für jeden

17. April 2008, 19:52
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Teenager-Leben zwischen Resignation, Rebellion und Romantik: Das Filmfestival Crossing Europe begeht sein fünftes Jahr

Das Wettbewerbsprogramm gibt von 22. bis 27. April Einblicke in das Schaffen des aktuellen jungen europäischen Kinos.


"Wir wollen alle einen Platz an der Sonne, nicht nur du!" Doch oben ist die Luft dünn und reicht nicht für alle zum Atmen. Schon gar nicht für jemanden aus der Pariser Vorstadt. Auf welchen jugendlichen Protagonisten sich der Titel "Regarde-Moi", "Schau mich an", im Spielfilmdebüt von Audrey Estrougo, bezieht, bleibt somit offen. Von anderen betrachtet wird jedenfalls nur einer – er wurde von einem Profifußballklub entdeckt, und Estrougo begleitet seine letzten 24 Stunden in der Banlieue auf beeindruckende Weise.

1995 inszenierte Mathieu Kassovitz mit "La Haine" den wohl populärsten Film über jugendliches Leben in den Hochhäusern am Rand der Stadt: ein Tag des Hasses in peitschendem Rhythmus. "Regarde-Moi" wirkt dazu wie ein nüchterner Kommentar, der einen genauen Blick auf das soziale Gefüge wirft, das von Geschlecht und Hautfarbe bestimmt wird. Hier braucht es keine Schlacht mit der Polizei wie bei Kassovitz, der Ausnahmezustand hat sich längst durch den Alltag gefressen; doch nicht die Sozialtristesse interessiert Estrougo, sondern das Leben innerhalb einer abgeriegelten Gemeinschaft.

Zu diesem Zweck wechselt "Regarde-Moi" nach der Hälfte von einer männlichen zu einer weiblichen Sicht; ein dramaturgischer Kniff, der erstaunlich gut funktioniert. Denn die Geschehnisse bekommen dadurch tatsächlich eine andere Dimension, der Blickwechsel – einzelne Szenen wiederholen sich aus anderer Perspektive – ist kein Gimmick, sondern eine wichtige Verschiebung:

Während die Männer sich nach draußen orientieren, sich auf Parkplätzen und Innenhöfen bewegen, besetzen die Frauen die Innenräume, in denen die rhetorische und physische Gewalt nicht minder den Ton angibt. Doch alle Räume sind durch enge Grenzen – Maschenzäune, Betonwände, Flure – gekennzeichnet. Ein modernes soziales Gefängnis mitten in Europa.

Schauplatzwechsel: Ein Mädchen blickt mit ausgebreiteten Armen zum Himmel, der weiche Federn regnen lässt. Ein Tagtraum, wie ihn die 14-jährige Nora sich wünscht. Die Heldin in Ulrike von Ribbecks "Früher oder später", wohnt bei ihren Eltern in einem bürgerlichen Vorort Berlins. Gartenfeste bestimmen das Laisser-faire der heißen Sommertage, das durch die Ankunft des 40-jährigen Schönlings Thomas unterbrochen wird. Langsam, durch verstohlene Blicke und Gesten, öffnet sich für Nora damit die Welt der Erwachsenen, die hier in ihren Puppenheimen noch auf falschen Werten beharren, während die Fassade längst unübersehbare Sprünge bekommen hat.

Früher oder später ist ein Coming-of-Age-Drama, das so zurzeit wohl nur in Berlin inszeniert werden kann: Unterlegt mit säuselndem Indie-Pop, findet die jugendliche Gefühlswelt ihren Ausdruck vor allem in der Musik und in den hellen Farben. Das Gewicht der Beziehungen wird auf leichte Weise verhandelt. "Regarde-moi", möchte auch dieses Mädchen sagen, zu einem Mann, für den alles doch nur Spiel ist. Doch was Nora nicht gelingt, schafft vielleicht der gleichaltrige Nicolas in "Charly", dem sehenswerten zweiten Spielfilm von Isild Le Besco:

Das Haus der Pflegeeltern hinter sich lassend, macht sich der Junge auf in Richtung Meer, nimmt die Herausforderung des Erwachsenwerdens an. Dass diese Reise just mit der Lektüre von Wedekinds "Frühlings Erwachen" zusammenfällt, ist kein Zufall, lautet doch der Untertitel dieses alten Jugenddramas nicht umsonst: Eine Kindertragödie. (Michael Pekler / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.4.2008)

"Charly": 23. 4., Movie 1, 11.30; 27. 4., 15.00
"Früher oder später": 23. 4., Movie 1, 20.30, 24. 4., 11.30
"Regarde-moi": 25. 4., Movie 1, 18.00; 27. 4., 13.00
  • Federweicher Tagtraum von romantischer Liebe als Ausweg aus der von Alters wegen verordneten Unmündigkeit: Nora (Lola Klamroth), jugendliche Heldin von Ulrike von Ribbecks "Früher oder später".
    foto: crossing europe

    Federweicher Tagtraum von romantischer Liebe als Ausweg aus der von Alters wegen verordneten Unmündigkeit: Nora (Lola Klamroth), jugendliche Heldin von Ulrike von Ribbecks "Früher oder später".

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