Lebensgefährliche Signalkaskaden

28. April 2008, 14:20
2 Postings

Wiener Forscher erklären Lungenversagen

Wien - Ein akutes Lungenversagen (acute respiratory distress syndrome - ARDS, auch "Schocklunge" genannt) ist ein oft letales Syndrom: Immer noch 40 Prozent der Betroffenen sterben daran. Wie es dazu kommt, kann ganz unterschiedliche Ursachen haben: Sars kann ebenso dazu führen wie die H5N1-Vogelgrippe oder die Lungenpest.

Das war auch die Ausgangsüberlegung eines Forscherteams des Instituts für Molekulare Biotechnologie (Imba) und des Centrums für Molekulare Medizin (Cemm) in Wien: "Es könnte also einen für alle Ursachen von ARDS gemeinsamen Angriffspunkt geben", wie Josef Penninger, Imba-Direktor und einer der beteiligten Forscher erklärt.

Die Pionierarbeit, über die sie nun in der angesehenen Fachzeitschrift Cell berichten, hatte aber auch einen durchaus menschlichen Hintergrund: Die Hauptautorin, Yumiko Imai vom Imba, hat mehr als zehn Jahre lang als Kinderärztin auf einer Intensivstation in Tokio gearbeitet. Die Hilflosigkeit angesichts von an Lungenversagen sterbenden Kinder machte ihr zu schaffen und bewog sie, in die Grundlagenforschung einzusteigen. Seit 1999 gehört sie Penningers Team an, zuerst in Toronto, nun in Wien.

Die Wiener Forscher machten am Beginn - eher durch Zufall - eine interessante Entdeckung: Als sie ihre verschiedenen Mausstämme mit unterschiedlichen genetischen Mutationen darauf untersuchten, ob man bei ihnen durch Einatmen einer Säure eine Schocklunge verursachen konnte, stellte sich der Mausstamm C3H/HeJ mit einer Mutation am sogenannten Toll like Receptor 4 (TLR4) ihrer Zellen als relativ resistent heraus. Das war der Ansatzpunkt für weitere Untersuchungen.

Komplexes Modell

Am Ende von zahlreichen Experimenten kamen die Wiener Wissenschafter zu folgendem Modell von Signalkaskaden: Krankheitserreger wie H5N1 führen in der Lunge zu oxidativem Stress. Die oxidierten Lipide aktivieren den Toll like Receptor 4. Das ist das Gefahrensignal für das körpereigene Abwehrsystem. Die über TLR4 aktivierten Abwehrzellen schütten Immunbotenstoffe aus, welche weitere Abwehrzellen anlocken und eine noch massivere Entzündungsreaktion auslösen. Die Konsequenz ist ARDS.

"Die Aufklärung dieser Signalkaskaden war reine Grundlagenforschung", so Josef Penninger im Gespräch mit dem Standard. Gleichwohl sollte sie einen wichtigen Beitrag leisten, um in ferner Zukunft Sars- oder Vogelgrippe-Patienten vor einem Lungenversagen infolge von ARDS schützen zu können. (tasch, APA, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18. April 2008)

Share if you care.