Das Kunstleid von Schmerzposeuren

28. April 2008, 11:43
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Das Einfühlungstheater der Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune und ihr Debütalbum "Goodnight Vienna"

Wien – Im Weinerlichen nistet ja gern das Selbstmitleid. Von "Immer is wos!" über "Warum immer ich?" bis zum Klassiker des resignativen Optimismus "Wird scho werden!" wird ein prinzipiell mühsames Dasein bejammert, beraunzt und im Wienerlied zur die Welt beschreibenden Kunstform erhoben.

In diese Richtung orientiert sich auch die Band "Neigungsgruppe Sex, Gewalt und Gute Laune", bestehend aus den FM4-Redakteuren Fritz Ostermayer, David Pfister, Robert Zikmund und Christian Fuchs, die am Mittwoch im WUK ihr Debütalbum "Goodnight Vienna" live präsentierten. Ein Album, auf dem sie fremdes und eigenes Liedgut verwienern – oder was sie eben dafür halten. Live stockte dieses Anliegen jedoch noch dramatischer als auf der ohnehin schon reichlich kapriziösen CD. Mit angetäuschter Emphase und vermeintlich ironischen Brechungen wurden Songs wie "Da Hoss in mia" ("The Hate Inside", Beasts of Bourbon) oder "Schädl Hängen" ("Hang Down Your Head", Tom Waits) live mit vor allem von sich selbst ergriffenem Pathos in die Niederungen des Austro-Pop übergeführt.

Dazu gab ein tendenziell unterbeschäftigter David Pfister den Lifestyle-Existenzialisten, den André Heller dieses Einfühlungstheaters. Christian Fuchs degradierte als Trent-Reznor-Fanclubpräsident die Weltnummer "Hurt" – hier: "Verletzt" – bis zur tatsächlich schmerzenden Peinlichkeit, während Fritz Ostermayer als Kapellmeister den Laptop drückte, die Quetsche zog und Tom Waits'schem Grölgesang frönte. Dazu klampfte Robert Zikmund bescheiden die Gitarre und empfahl sich als Danzer-Nachfolger bei "Austria 3". Die so erzielten Ergebnisse waren aber weder Wienerlied noch irgendetwas in dessen Nähe und gerieten mit Fortdauer der Aufführung immer noch ärmlicher. Einzig das tatsächlich anrührende Geigenspiel von David Hebenstreit alias Sir Tralala rettete, was noch zu retten war: leider nicht sehr viel.

Auch wahnsinnig lustige Ansagen wie "Lou Reed, wir scheißen dir ins Gesicht" adelten die Vorstellung nicht wirklich, die darauffolgende Interpretation von "Pale Blue Eyes" noch weniger. Prinzipiell sympathischer Dilettantismus wurde hier zum Vehikel eitler Schmerzposeure. Vor einer zum Fremdschämen einladenden Version des "Folsom Prison Blues" gaben diese Austria 4 dann noch ihre Version von "Fucked Forever" von den Babyshambles: "G'fickt für immer."
Beklemmend wahr.
(Karl Fluch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.4.2008)

  •  Neigungsgruppe Sex Gewalt und Gute Laune: "Goodnight Vienna" (Trikont /Indigo)
    foto: trikont /indigo

    Neigungsgruppe Sex Gewalt und Gute Laune: "Goodnight Vienna" (Trikont /Indigo)

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