Der heimatlose Heimatdichter: Klaus Pohl im Porträt

28. April 2008, 11:48
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Heimlich, still und leise ist der Schauspieler und Dramatiker aus Rothenburg ob der Tauber an der Wiener Burg sesshaft geworden

... als Dichter "kleiner" Monologe und als Charakterkopf in Peter-Zadek- und Luc-Bondy-Inszenierungen.


Wien – Der Schauspieler und Autor Klaus Pohl (56) haust, wenn er am Wiener Burgtheater arbeitet und nicht etwa in New York lebt, in einer wunderschönen Innenstadtgasse – da, wo eine nahe gelegene Musikschule die schöngeistige Jugend zu unermüdlichem Übungsfleiß anhält. "Bei offenen Fenstern: Da werden Sie wahnsinnig – da drehen Sie komplett durch", sagt Pohl.

Er müsse mit Shakespeare kämpfen, eigene Stücke schreiben – da könnten nicht immerzu die Konservatoriumsfenster offenstehen. Das habe er dem Herrn Rektor auch gesagt. Worauf dieser geantwortet habe: Das verstünde er gut – da doch er, Pohl, Kritiken für den Standard schreibe: Ein solcher Job erfordere unbedingte Ruhe und Muße. Der Dramatiker und Schauspieler Pohl lacht schallend. Sein Interviewer räumt kleinmütig ein: "Dann war die Verwechslung für etwas gut!?" Die Fenster sind geschlossen.

Pohl ist der bekannteste Unbekannte in der deutschsprachigen Bühnenwelt. Er sagt: "Auf dem Theater wechselt andauernd der Geschmack – wechseln die Liebschaften." Festlegung bedeutet den Tod. Pohl, der gerade einen Henry-Miller-Text für Annemarie Düringer einrichtet ("Das Lächeln am Fuße der Leiter" hat am Samstag um 20 Uhr am Akademietheater Premiere), wirkt wie Ahasver: das graumelierte Haar in üppigen Wellen zurückgelegt; der zerknautschte Hut liegt in Griffweite. Pohl könnte zu jeder Zeit aufspringen und unversäumt in eine Peter-Zadek-Inszenierung hineinlaufen: Ein heiterer Narr aus Illyrien, der der Welt eine unverschämte Nase dreht.

Pohl war der wohlgemute Horatio in Zadeks so berüchtigtem wie genialem Strumpfhosen-"Hamlet" (mit Angela Winkler als Prinz in der Strumpfhosenrolle). Pohl war einmal das Dramatikerwunder der 1980er-Jahre: Sein merkwürdiges Nachkriegs-Blutund-Boden-Drama "Das alte Land" wurde landauf, landab gespielt und schließlich, nach einer szenischen Einrichtung durch Achim Benning am Wiener Burgtheater, hoch dekoriert. Der Autor: "Alles ein Zufall. Ursprünglich war Jürgen Flimm an der Uraufführung interessiert – ich war blutjung und hatte jahrelang an dem Text gearbeitet. Wien ergab sich dann so."

Pohl, einmal in Schwung gekommen, hätte der Heiner Müller der BRD werden können: Sein "Altes Land" ist das pfälzisch-schöne Pendant zu allen DDR-Produktionsstücken, wie sie früher einmal Hacks, Schütz oder Müller schrieben. In der sozialistischen Aufbauwelt ringen verstockte Menschen um Autonomie. In Pohls Welt wissen die nachlässig entnazifizierten Bauern und Ostvertriebenen mit ihrer Freiheit, die ihnen unverschuldet in den Schoß fällt, gar nichts Rechtes anzufangen. Da terrorisieren sie lieber einander. Das alte Land wäre das Stück für ein aufgeklärtes Theater: Freiheit, so die unverschämte These, macht arm. Es gibt keine Freiheit außer derjenigen, die man sich im Schweiße der Gewissensqual hart erarbeitet.

Der arme Brecht

Die wahre Freiheit hat sich Pohl selbst herausgenommen. Er textete weiter. Aber er wurde, obwohl mit Gott und der Welt bekannt, kein berechenbarer Stückelieferant. Als er vor ein paar Jahren dem großen Otto Schenk das Diamantenschätzerdrama "Kanari" auf den Leib schrieb, zehrte er bereits von seiner Kenntnis New Yorks – der Emigranten.

Pohl ist nicht nur mit einer Verwandten von Helene Weigel verheiratet; er schrieb auch das Skript für "Brechts letzter Sommer" – den Film, in dem Sepp Bierbichler den alten, zu Tode erkrankten BB wie ein in blauen Mao-Drillich gehülltes bajuwarisches Resignationsmonument an den Rand des Buckower Sees hinsetzte.

Typisch: Er hatte mit enormem Fleiß vier Episoden-Teile aus Brechts Leben angefertigt gehabt – am Schluss blieb nur der WDR als Koproduzent übrig, und so wurde das Brecht-Projekt auf einen Einzelfilm eingedampft. Mit der Brecht-Tochter Barbara habe er über Detailfragen herzhaft gestritten. Pohl erzählt so etwas natürlich lachend. Der Seminarlehrer hat nichts zu raten; er findet nur, dass viel zu viele Jungdramatiker Kino guckten – und keine Dramen läsen. Pohl setzt den Hut auf. Er geht. Irgendjemand muss die Fenster schließen. (Ronald Pohl / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 18.4.2008)

  • Klaus Pohl lebt die Hälfte des Jahres in New York. An der Theaterkunst fasziniert ihn die Unberechenbarkeit: "Probenarbeiten mit Peter Zadek sind doch ein Geschenk – so etwas wie Urlaub!"
    foto: burgtheater

    Klaus Pohl lebt die Hälfte des Jahres in New York. An der Theaterkunst fasziniert ihn die Unberechenbarkeit: "Probenarbeiten mit Peter Zadek sind doch ein Geschenk – so etwas wie Urlaub!"

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