Alles im Fluss

19. April 2008, 12:00
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Warum es an der französischen Loire immer mehr Berufsfischer gibt und warum das bei uns trotz erstklassiger Wasserqualität undenkbar ist, erkundete Georg Desrues

Man nennt ihn "Fluss der Könige" oder gar "König der Flüsse". Doch der verstiegenste Beiname der Loire ist wohl jener, der diesen wundervollen Fluss, an dessen Ufern sich einige der prächtigsten Schlösser der Renaissance erheben, als "letzten wilden Fluss Europas" charakterisiert. Zwar erscheint die Loire mit ihren Sandbänken, Inseln und üppigen Auwäldern tatsächlich ziemlich naturbelassen. Doch in Wahrheit wurde ihr Lauf seit Jahrhunderten von Menschenhand gestaltet.

Dennoch findet sich hier eine Population an Wildfischen, die, im Gegensatz etwa zu sämtlichen Flussläufen in Österreich, tatsächlich so stark ist, dass sie seit mehreren Jahren wieder von Berufsfischern befischt werden kann, die damit die örtliche Gastronomie, aber auch lokale Märkte beliefern. Hechte, Barsche, Zander gehören ebenso dazu wie Welse oder Wildkarpfen. Von März bis Mai, wenn Aale, Meeresforellen und die - anderswo längst ausgestorbenen - delikaten Maifische (auch Alose genannt) zum Laichen flussaufwärts ziehen, dürfen auch diese befischt werden. Längst gehören Gerichte aus lokal gefangenem Wildfisch wieder zum Standard der lokalen Gastronomie.

Neunauge

Eine besondere Stellung kommt dabei dem von Feinschmeckern geradezu mythisch besungenen Fluss-Neunauge (oder Lamprete) zu. Dabei handelt es sich im Grunde um einen Parasiten, der äußerlich dem Aal ähnelt, aber von großen Wirtfischen lebt, indem er sich an deren Körper festsaugt und deren Blutkreislauf anzapft. Gefischt werden Neunaugen, wenn sie zum Laichen flussaufwärts schwimmen. Ihre klassische Zubereitungsart ist, zugegeben, nur etwas für furchtlose Connaisseurs: Dafür darf das Neunauge erst unmittelbar vor der Zubereitung abgeschlagen werden, um das frische Blut mit Rotwein zu mischen und den festen, weißfleischigen Fisch "à la bordelaise" mit Lauch, Schalotten und etwas Schinken darin zu garen.

In den 1970er-Jahren wäre es fast vorbei gewesen mit der Pracht. Da planten die Franzosen eine Serie von Staustufen - die die Loire endgültig zu einem dem Menschen unterworfenen Stromlieferanten gemacht hätten. Wegen heftigen Widerstands wurde das Vorhaben daraufhin teilweise fallengelassen. Im Jahr 1994 initiierte die Regierung einen Zehnjahresplan, der die Interessen von Naturschützern - allen voran dem WWF -, Stromproduzenten und Anrainern unter einen Hut bringen sollte. Bestehende Staustufen wurden abgebaut, Überschwemmungsgebiete geschützt und Fischlarven ausgesetzt. Damit sollte der mehr als tausend Kilometer lange Fluss auf sanfte und nachhaltige Weise nutzbar gemacht werden. Der Plan wurde inzwischen wegen unerwarteten Erfolgs verlängert.

Nicht nur die Bestände sesshafter Fische konnten sich erholen, sondern auch die Wanderfische, für die Staustufen und Dämme eine noch größere Bedrohung darstellten, sind in beeindruckender Zahl zurückgekehrt.

Traditionellen Fangmethoden

Und mit ihnen der professionelle Fischfang. Während in Österreich, nicht zuletzt wegen des massiven Ausbaus der Wasserkraft, die Berufsfischerei auf Flussläufen trotz erstklassiger Wasserqualität seit vielen Jahren zum Erliegen gekommen ist, gibt es an der Loire von Jahr zu Jahr nicht weniger, sondern mehr hauptberufliche Fischer. Unter strengen Auflagen und nur mit traditionellen Fangmethoden, holen sie die durchaus kapitalen Fische aus dem Fluss. Schon klar: Verglichen mit dem Anfang des 20. Jahrhunderts, als es noch mehr als 300 Berufsfischer an der Loire gab, nimmt sich die aktuelle Zahl von gerade einmal 14 Fischern, die täglich ihre Reusen und Netze im Fluss auslegen, fast mickrig aus. Doch sie wächst jährlich um etwa ein bis drei Neuzugänge.

Die Fischer bekommen "Parzellen" zugesprochen und müssen die überlieferten Fangmethoden beherrschen. So darf zum Beispiel das Neunauge lediglich in handgeflochtenen Korbreusen gefangen werden. Diese haben auch den Vorteil, dass sie den Fisch nicht verletzen. Somit können zu kleine Exemplare, aber auch der nach wie vor geschützte Lachs, wieder freigelassen werden. Die Fischer übernehmen so eine wichtige Rolle als Heger und Landschaftspfleger.

Selten "praktische" Portionsgrößen

Überhaupt ist die Vermarktung der Fische eine stetige Herausforderung. Die Fischer werden dabei von Slow Food und dem WWF unterstützt. Denn auch in Frankreich gibt es immer weniger Fischhandlungen und damit auch weniger Konsumentenberatung. Die ist aber angesichts der kurzen Fangperioden, der starken Saisonalität und der zum Teil in Vergessenheit geratenen Fischarten unerlässlich. Dazu kommt, dass Wildfang - im Unterschied zu Zuchtfisch - selten in "praktischer" Portionsgröße angeboten werden kann, was auf viele Verbraucher eine abschreckende Wirkung hat. Dass wild gefangener Fisch dafür geschmackliche Vorzüge hat, die ein Zuchtfisch nie erbringen kann, ist offenbar zu wenig kommuniziert worden.

"Trotzdem ist das eine Erfolgstory" erklärt Martin Arnoult vom World Wildlife Fund Frankreich. "Wir haben bewiesen, dass es möglich ist, einen Fluss zu reparieren, zu restaurieren und dadurch Fische zurückzubringen, die aus dem kollektiven Gedächtnis eigentlich schon verschwunden waren. Die Rückkehr der Fischer zeigt, dass ein gesunder Fluss eine Fülle von positiven Auswirkungen hat und unter anderem das Überleben eines der am meisten bedrohten Gewerbe Europas gewährleisten kann: der Flussfischerei." (Georg Desrues/Der Standard/rondo/18/04/2008)

  • Wegen des wachsenden Bestands werden jährlich bis zu drei neue Berufsfischer an der Loire zugelassen. Zum Vergleich: In Österreich ist die Berufsfischerei auf Flüssen wegen des zu geringen Fischbestands seit vielen Jahren verboten.
    foto: photodisc

    Wegen des wachsenden Bestands werden jährlich bis zu drei neue Berufsfischer an der Loire zugelassen. Zum Vergleich: In Österreich ist die Berufsfischerei auf Flüssen wegen des zu geringen Fischbestands seit vielen Jahren verboten.

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