Im Jenseits der Massenproduktion

20. April 2008, 16:49
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"Im Einklang mit der Form": Monochromie am Beispiel von Bronze-, Jade- und Keramikobjekten aus Ostasien

Wien – Man kennt das ja: Kaum dass Nachfrage aufkeimt, packt diverse Fabrikanten der Reflex zur Anpassung, und dann finden Massenware und Massenpublikum solange einander wieder, bis hinterher dann erneut keiner schuld daran war, dass Form und Oberfläche solange voreinander Reißaus genommen haben, bis ihr gemeinsam zu bildender Gegenstand eben unfassbar schiach überbleiben musste.

Wobei "schiach" jetzt unbedingt nicht mit "unbeliebt" gleichzusetzen ist. Weil zum Beispiel die Chinesen im 16. Jahrhundert so exportorientiert und zugleich cool waren, den Europäern zu produzieren, was die eben unter "chinesisch" verstanden, und das war, egal was, aber mit viel Dekor, eine Art Export-Rokoko mit Drachen für den fernen Markt. (Es gibt ja auch im heutigen China keine China-Restaurants in unserem Sinn.)

Zur Erholung vom Spagat beim Tagwerk war zu Hause dann Monochromie angesagt, Tradition also, Moderesistenz. Johannes Wieninger, Kustode für Ostasien am Museum für angewandte Kunst in Wien, hat nach Blauweiß mit Objekten von Ägypten bis China und Rückseite, einer Schau zu den verborgenen Zeichen der Objekte, nun erneut gezeigt, wie lebendig und produktiv der museale Umgang mit Objekten einer Sammlung sein kann.

Seine Ausstellung Im Einklang mit der Form demonstriert die nun auch schon wieder seit Jahrtausenden im Bereich der angewandten Kunst aktuelle Frage nach dem Verhältnis von Form und Oberfläche. Anhand von monochromen Beispielen der chinesischen Bronze-, Jade- und Keramikkunst aus einer Zeitspanne von etwa 2000 Jahren macht er höchst anschaulich, was dem Heimgeschmack – am Hof des Kaisers, wie am Bauernhof – entsprach: "einfachste" Oberflächengestaltung, die nicht nur der Imitation teurer Materialien diente (grün glasierte Waren entstanden auch, um Jade bzw. patinierte Bronze nachzuahmen), sondern vielmehr die ästhetische Annäherung an Ideale wie "Schlichtheit" und "Vornehmheit" anstrebte.

Die Song-Dynastie (960–1279) gilt als Blütezeit der chinesischen Keramik. Ab dem 12. Jahrhundert, als sich Material und Form von der Aufgabe der Nachahmung lösten, entsprach Einfachheit dem Geschmack der Zeit. Schlichtheit zeichnet die Arbeiten der Song-Dynastie aus, die Oberfläche diente stets der Steigerung des Gesamteindrucks des Stückes und sollte keineswegs von der Form ablenken.

Absichtsvoll zufällig

Anders als in Europa wurden die Einfarbigkeit der Stücke und deren detailreiche Ausarbeitung von Kennern geschätzt. Mit der Verfeinerung von Glasur und Brenntechniken avancierten monochrome Keramiken zu Meisterstücken. Gerade bei der Herstellung rot und gelb glasierter Stücke wurde ein hoher Aufwand getrieben – was zufällig aussieht, war exakt geplant. Mit der Ästhetik monochromer Glasuren ist auch das Krakelee, feine künstlich erzeugte und eingefärbte Haarrisse, die wie unregelmäßige Gitter das Objekt umfangen, eng verbunden. Johannes Wieninger konzentriert sich bei der Auswahl der Ritualobjekte aus Bronze und der Gebrauchs- wie Prunkstücke aus Jade und Keramik auf die vier monochrom verwendeten Farben Grün, Gelb, Weiß und Rot und inszeniert damit einen ungemein stillen Erlebnisraum – perfekte Museumsarbeit. (Markus Mittringer, DER STANDARD/Printausgabe, 15.04.2008)

  • "Im Einklang mit der Form": Monochromie am Beispiel von Bronze-, Jade- und Keramikobjekten aus China.
    foto: mak/georg mayer

    "Im Einklang mit der Form": Monochromie am Beispiel von Bronze-, Jade- und Keramikobjekten aus China.

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