Die Nostalgie war früher auch schon besser

20. April 2008, 16:43
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Altes deutsches Kulturgut: Blixa Bargeld und die Einstürzenden Neubauten konzertierten mit ihren Trümmerchansons im Grazer Orpheum - Am Freitag in Wien

Graz – Dass diese Band mittlerweile 27 Jahre im Kampf gegen den Schlaf, die Vernunft, die guten Sitten und ganz besonders die Funktionsharmonik auf dem Buckel hat, sieht man zumindest zwei Protagonisten an. Blixa Bargeld und Alex Hacke von den Einstürzenden Neubauten wirken heute etwas müde und abgelebt. Immerhin datiert das hochverdiente deutsche Kulturgut aus einer Zeit, als Deutschland noch zwei Hälften hatte und man sich in Westberlin vor dem Dienst in der Bundeswehr drücken und Langzeitinskripient an der dortigen Uni werden konnte – oder lieber gleich eine Karriere vor, hinter oder unter der Bar machte.

Baalin, wa?! Mauerstadt. Äußerster Vorposten des dekadenten Westens. Iggy Pop und David Bowie. Studienbeihilfe und Schecks von der Omi aus dem Westen. Für eine glückliche Jugend ist es nie zu spät. Und dann eben Nick Cave und Blixa Bargeld. Intensives Leben. Sachen essen, die schnell und schlaflos machen. Dazu Krach, Krach, Krach. Schreien, Toben, Zivilisationsabfälle zu Musikinstrumenten machen. Wir tanzen euren Untergang! Wie viele Menschen ihrer Generation kamen einst durch diese Lumpen und ihre äußerst zweifelhafte Vorbildwirkung eigentlich vom rechten Weg ab, gingen erst am Nachmittag frühstücken und später ab 30 in die Reha?

Möglicherweise erleben wir beim Konzert der Neubauten, die sich vorne an der Rampe im Grazer Orpheum mit 80-minütiger, auch hier streng nach Berliner-80er-Jahre-Klischee veranschlagter Verspätung erst in Die Wellen hauen und sich dann an den Textgebirgen von Nagorny Karabach abmühen, aber nicht nur eine sozusagen philosophische Ermattung. Vielleicht hat sich die sinistre, schwarz, schwarz, schwarze Ästhetik der vor einem Vierteljahrhundert nichts weniger als bahnbrechenden Gruppe schlicht und einfach nicht nur abgelebt, sondern überlebt.

Erinnerung ist ein Hund

Damit Papi vom Krieg erzählt: Die wegen einer Stichflamme aus einem als Perkussionsinstrument verwendeten Ölfass brennende Bühnendecke in der Wiener Arena am Ende eines dann wegen Saalräumung beendeten Konzerts in den 80er-Jahren kann und wird es kommenden Freitag an selber Stelle nicht mehr spielen. Dennoch fühlt man sich beim Auftritt in Graz dabei ertappt, sich in Zukunft bei den Neubauten bestuhlte Hallen zu wünschen.

Macht nix. Bargeld und seine vierköpfige Band bemühen sich redlich, die alten Exzesse in eine reife Lebensphase überzuführen. Es würde ja wohl auch etwas lächerlich wirken, wenn 50-jährige Männer mit Flex und Schlagbohrer auf der Bühne herumtoben und am Mikrofon ein Sauschlachten nachstellen. Bloß, die Erinnerung an frühere Intensitäten und jugendlich-unbedarfte Infantilitäten (Was soll jetzt bitteschön bei mickrigen drei Litern Benzin groß brennen?!) ist dann eben stärker als die netten Trümmerchansons einer 2008 auf dem Album Alles Wieder Offen wie auch live bedenklich konventionell an ebensolchen Instrumenten agierenden Band.

Nicht, dass das Konzert schlecht wäre. Bloß, die Gruppe muss sich an ihren eigenen Maßstäben messen lassen. Immerhin begeht sie nicht den Fehler, mit alten Songs falsche Nostalgie aufkommen zu lassen, und spielt fast nur Material von Alles Wieder Offen und dem etwas verhuschten Vorgängeralbum Perpetuum Mobile. Bei den zentralen neuen, ziemlich heftig perkussiv pumpenden Let’s Do It A Dada! und Weil Weil Weil kommt sogar Stimmung auf. Falls man diesen Begriff bei einem Auftritt des heute wieder beim Textmemorieren sichtlich leidenden Blixa Bargeld überhaupt verwenden darf.

Erinnerung ist eben doch mehr als eine Reifenspur im Sand. Sie ist ein Hund. Dass Bargeld das alles selbst nicht mehr so ernst nimmt, wird klar, wenn der Mann eine joviale Zwischenansage macht, also mit uns im Saal spricht! Ohne Vorwarnung! Das hätte es früher nicht gegeben! Man soll ältere Konzertbesucher bitte nicht gar so erschrecken. (Christian Schachinger, DER STANDARD/Printausgabe, 15.04.2008)

  • So schön, schön war die Zeit. Blixa Bargeld und die Einstürzenden Neubauten heulen im Grazer Orpheum die Berliner Mauer an.
    foto: utri

    So schön, schön war die Zeit. Blixa Bargeld und die Einstürzenden Neubauten heulen im Grazer Orpheum die Berliner Mauer an.

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