Wissen: Die Sorben im Osten Deutschlands

11. Juli 2008, 17:24
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Seit mehr als 1000 Jahren lebt die slawische Minderheit in Sachsen und Brandenburg - Bisher bekleidete sie kaum politische Ämter

Mit dem designierten sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich betritt erstmals ein Angehöriger der sorbischen Minderheit in Deutschland die politische Bühne auf exponierter Position. Zwischen 20.000 und 60.000 Köpfe zählt die slawische Minderheit der Sorben, früher auch Wenden genannt, heute. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich entlang des Flusses Spree in den deutschen Bundesländern Brandenburg und Sachsen, von Bautzen im Süden bis Lübben im Norden. Zwei Drittel der Sorben leben in Sachsen, die meisten sprechen Obersorbisch, einer slawischen Sprache mit Ähnlichkeit zum Tschechischen. Seit 1716 sind die Sorben in Vereinen organisiert, an der Universität Leipzig erfreuen sich Sprachkurse am Institut für Sorabistik besonders bei Studierenden aus den angrenzenden slawischsprachigen Ländern relativ großer Beliebtheit.

Anfänge im 8. Jahrhundert

Die Ursprünge der Sorben im Osten Deutschlands gehen auf das 8. Jahrhundert zurück. Damals besiedelten sorbische Stämme aus Schlesien und Mähren die Gebiete zwischen Saale und Neisse, die sie nach der Völkerwanderung und der Absiedelung germanischer Stämme menschenleer vorgefunden hatten. Im Mittelalter führte der rege Zuzug dazu, dass einige Städte des Lausitzgebietes mehrheitlich sorbisch bewohnt waren, Handwerkszünfte führten daraufhin "Wendenparagrafen" ein, um den "deutschen Charakter" der Gesellschaft zu bewahren. Von den Lehren Martin Luthers, die ansonsten gerade im ostdeutschen Raum große Verbreitung fanden, blieben die Sorben, die meist von der Landwirtschaft lebten, mangels ausreichender Deutschkenntnisse weitgehend unberührt.

Repression und politische Organisation

Der Dreißigjährige Krieg traf die Sorbengebiete besonders hart, ganze Landstriche wurden menschenleer und später von Deutschen wiederbesiedelt. Nach dem Wiener Kongress 1815 leitete Reichskanzler Bismarck eine Phase anti-sorbischer Repression ein, 1875 wurde der sorbische Unterricht in der Oberlausitz verboten. 1912 wurde in Hoyerswerda ein Dachverband von 31 sorbischen Vereine, die Domowina (Heimat), gegründet. Sie fasste die nach 1848/49 entstandenen Bürger-, Bauern- und Bildungsvereine zusammen und sollte das sorbische kulturelle Leben weiter festigen. 1920 gründete Jan Skala die Wendische Volkspartei, die zwar keine Mandate im Parlament erringen konnte, aber der sorbischen Nationalbewegung Ausdruck verlieh und als SLS-Regionalpartei bis heute besteht.

Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurden alle sorbischen Verbände verboten. Auch im Schulwesen erfolgte die "Eingliederung der Wenden in die deutsche Volksgemeinschaft". Die nationalsozialistische Rassenpolitik bewirkte, dass sich in vielen sorbischen Dörfern bei der Volkszählung 1939 kaum noch jemand zum Sorbischen bekannte. Der Kriegsverlauf verhinderte, dass das NS-Regime geheime Pläne zur physischen Vernichtung der slawischen Minderheit - oder deren Deportation - in die Tat umsetzen konnte.

Blüte und Wende

In der DDR erlebten die Sorben zunächst eine Blütephase, 1948 verabschiedete der sächsische Landtag ein Gesetz, das den Anspruch der Minderheit auf Förderung ihrer Kultur und Sprache festschrieb, zwei Jahre später folgte Brandenburg. Die DDR-Verfassung von 1968 definierte die Sorben als nationale Minderheit, die Kollektivierung der Landwirtschaft fügte der sorbischen Identität durch die damit einhergehende Zerstörung dörflicher Strukturen Schaden zu. Die Domowina gründete sich nach der politischen Wende 1989 neu und setzt sich seither für die Belange der Sorben in der Bundesrepublik ein.

Wer heute mit dem Zug durch die Lausitz fährt, sieht zweisprachige Orts- und Bahnhofsbeschriftungen, die Rundfunksender RBB (Brandenburg) und MDR 1 (Sachsen) senden regelmäßig sorbischsprachiges Programm. Mit Stanislaw Tillich übernimmt erstmals ein Anghöriger einer ethnischen Minderheit das Amt eines Ministerpräsidenten, das mit jenem eines österreichischen Landeshauptmanns vergleichbar ist. (flon/derStandard.at, 15.4.2008)

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