Hunger als Bedrohung

23. April 2008, 12:46
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Die Lebensmittelkrise verdient genauso viel Aufmerksamkeit wie der Terrorismus

Stundenlang habe er sich bemüht, den CIA-Agenten zu erklären, dass Islamismus und Terrorismus in Somalia vor allem aus Hunger und sozialer Not entstünden, erzählte der äthiopische Historiker Medhane Tadesse dem STANDARD vor einigen Jahren in Addis Abeba. Die Amerikaner hätten ihn, einen der renommiertesten Analysten für die politische Lage am Horn von Afrika, danach aber bloß gefragt: "Wo ist Al-Kaida? Und wie können wir sie bombardieren?" Das ist eine Anekdote aus einer kleinen Region in Afrika, sicher. Aber der Vergleich mit der gegenwärtigen Weltlage zeigt, wie sich die sicherheitspolitische Wahrnehmung inzwischen geändert hat: Heute geht es nicht mehr nur um so genannte Schurkenstaaten und die „asymetrische Bedrohung“ durch heimtückische Terroristen. Heute wird – auch für die Vereinigten Staaten von Amerika – klar, dass Klimawandel und Hungeraufstände mindestens solche Sicherheitsrisiken für die entwickelte Welt sind wie jene Bomben, mit denen global agierende Djihadisten Angst und Schrecken verbreiten.

Demokratie in Gefahr

Angesichts der jüngsten Bilder aus Haiti, Ägypten, Kamerun oder Indonesien ist es keine Sekunde lang übertrieben, dass Währungsfonds-Präsident Dominique Strauss-Kahn vor "furchtbaren Konsequenzen" warnt – und zwar nicht nur für die Menschen, die in diesen Tagen Hunger leiden müssen. Strauss-Kahn sieht die Weltwirtschaft und letztlich die Demokratie in Gefahr. Das ist eine Perspektive, die über die moralische Empörung, dass es in unserer Welt des Überflusses noch Hunger gibt, deutlich hinausgeht.

Beispiel Haiti, Beispiel Somalia: Beide Länder sind in ihren jeweiligen Regionen seit Jahren Unruheherde, die auch durch (internationale) Interventionen nicht in den Griff zu bekommen sind. Sie sind klassische Fallbeispiele gescheiterter Staaten und strahlen eine Instabilität aus, die etwa am politisch leicht entzündlichen Horn von Afrika zu einem unkontrollierbaren Flächenbrand führen kann, der sich bis in den Sudan und Zentralafrika ausweitet – inklusive aller Konsequenzen vom Ölmarkt bis zur den Schifffahrtsrouten im Roten Meer.

Oder: Warum sollten die Menschen in Côte d'Ivoire, Burkina Faso oder Mexiko in ihrer Heimat bleiben, wenn sie sich ihr Brot nicht mehr leisten können, weil Europäer und Amerikaner auf dem Weg zum Supermarket Getreide in ihren SUVs verfahren? Entwickeln sich die Nahrungsmittelpreise in dieser Dynamik weiter, wird der ohnehin schon hohe Migrationsdruck auf die Industriestaaten durch Millionen von Hungerflüchtlingen noch steigen.

Globale Konzepte gefragt

Es geht nicht mehr nur um Äthiopien, Bangladesh oder die Sahel-Zone. Hunger ist in einer globalisierten Welt zu einer globalisierten Bedrohung geworden, der ausschließlich mit globalen Konzepten beizukommen ist. Die entwickelten Staaten müssen die Lebensmittelkrise so ernsthaft bekämpfen wie den Terrorismus, gegen den enge internationale Netzwerke geküpft und zig Milliarden Euro ausgegeben werden.

Die Rahmenbedingungen dafür haben die Vereinten Nationen in Form der Millenniums-Ziele bereits vor Jahren abgesteckt. Bisher fehlte allerdings auf allen Seiten (auch unter Entwicklungsländern) der politische Wille, dieses Programm auch mit dem nötigen Nachdruck zu verfolgen. In diesem Fall aber wird in der Tat mehr benötigt als Koordinaten für Marschflugkörper oder Einsatzbefehle für Spezialtruppen. In diesem Fall braucht es neben einigem Geld einen langen Atem und vor allem einen partnerschaftlichen Ansatz, denn nur der kann zu nachhaltiger Entwicklung führen, die Hunger tatsächlich zu einer Geißel aus einem längst vergangenen Jahrhundert macht.

Wollen die entwickelten Staaten in Europa und Nordamerika nicht, dass Sicherheit, Prosperität und Wohlstand ihrer Demokratien durch weltweite Hungerkrisen beeinträchtigt werden, müssen sie jetzt handeln. Es wäre fatal, würde es so lange wie beim Klimawandel dauern, bis die Hungerkrise mit Verve bekämpft wird. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14.4.2008)

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