Flugs zur finnischen Fichte

14. April 2008, 17:00
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Der Flughafen Kuopio liegt mitten im Wald und an der Seenplatte - Das sollte man nutzen - Keine Transferzeit zum Abenteuerurlaub

Finnland hat wieder eine Holzhütte gebaut. Am Iso-Jälä-See. Den kennt man nicht, weil man dort noch seltener hinkommt als in die zehn Kilometer entfernte Heimatstadt des Skispringers Ari-Pekka Nikkola. Und das, obwohl noch vor Kuopio (Finnlands achtgrößter Stadt) an diesem See ein Flughafen liegt, den die Finnair täglich von Wien aus über Helsinki anfliegt.

Es gibt nur zwei, vielleicht drei Gründe, warum man hier in Ostfinnland landet: Man ist Skispringer und unterwegs zur Großschanze am Rande der Stadt; man handelt mit Holz; oder man will dieses Holz als mächtiges Waldgebiet zusammen mit einem 890 Quadratkilometer großen Seensystem für den Abenteuerurlaub nutzen. Im letzten Fall kommt die neue Hütte ins Spiel.

Als "Terminal am See" versteht sie sich, und auf 300 Quadratmetern offeriert sie die schönsten Umsteigeverbindungen in die Wildnis. Gerade einmal hundert Meter legen Passagiere vom Flughafen zu Fuß zurück, bis sie am Ufer des kristallklaren Iso-Jälä-Sees stehen und staunen. Nur mehr die Gelsen setzen jetzt zur Landung im Feuchtgebiet an, das nächste Flugzeug stört erst in zwei Stunden die Ruhe. Der Sitznachbar von vorhin mit der Angel im Handgepäck fragt nach, wo sie am besten beißen – die Forellen, nicht die Gelsen. Man selbst wird vielleicht wissen wollen, wann die nächste Jet-Ski-Tour beginnt, wie weit man mit dem Kanu an einem Tag eigentlich kommt oder ob man das schnittige Motorboot voll aufgetankt zurückbringen muss.

Dafür also wurden die Gelder aus dem Ziel-1-Fonds der EU verwendet: Zum Bau einer Anlaufstelle für den orientierungslosen Mitteleuropäer, der irgendwo in der finnischen Wildnis aussteigt und will, dass "Outdoor" tatsächlich "vor der Türe" des Flughafens bedeutet. Einfacher als hier kann man das tatsächlich nirgendwo sonst in Finnland haben.

Immer offen für Abenteuer

In Betrieb ist der "Adventure-Terminal" am See, der außerdem noch eigene Flugverbindungen mit dem Wasserflugzeug anbietet, 24 Stunden am Tag, 365 Tage im Jahr. Also auch im Winter, wenn die Bootsverleiher dann mit den laufenden Motoren der Schneemobile auf die Passagiere warten. Und gepachtet wurde die Hütte, die übrigens als ruhiges Klaustrum für Seminare bestens ankommt, von jemandem, der sie als zentrale Schnittstelle in seinem kleinen Imperium gut gebrauchen kann: "Bluewhite Resorts", der Platzhirsch unter den lokalen Verwertern finnischer Einsamkeit, hat in der näheren Umgebung noch drei weitere Einrichtungen, die Naturliebhabern ebenso wie Radaubrüdern gewidmet sind. Das Spektrum reicht nämlich von der einfachen, abgeschiedenen Fischerhütte bis hin zur "Action-Agentur", die selbst die Rallye über zugefrorene Seen organisiert.

Kein Wunder also, wenn einem hier am Bootssteg neben der Landebahn gleich einmal eingebläut wird, dass man auf dem See schneller vorankommt als auf der Straße. Nach Vehmersalmi etwa, wo "Bluewhite Resorts" eines seiner Ferienresorts betreibt, sind es nur 15 Kilometer auf dem Seeweg, aber ganze 50, wenn man um jede einzelne Wasserlache herumfahren muss. Plant man den Aufbruch in die Wildnis tatsächlich so spontan, wie der "Terminal am See" das ermöglichen will, kann man diese Abkürzung ruhig nehmen.

Man wird an der einsamen Lagune Ritoniemi landen. Das "Resort" nimmt sich neben dem kleinen Yachthafen bewusst zurück, denn in erster Linie besteht es aus einem Campingplatz und sechzig kleinen Cottages, die fast alle an dem teilweise sandigen Strand des Sees liegen. Die Preise sind für finnische Verhältnisse äußerst moderat, sogar die beiden "luxuriöseren" Resorts Lohimaa und Sahanlahti bieten Zimmer für Selbstversorger ab 75 Euro an – der Preis gilt bereits für zwei Personen.

Der Standort Lohimaa hat außerdem den Vorteil, dass man sich die Sauna – oder genauer gesagt: eine der der neunzehn Saunen – zwar mit äußerst unterschiedlichen, aber immer Ruhe suchenden Gästen teilt. Hierher kommen Fischer ebenso wie Seminargäste im Anzug. Erstere wollen beim Barbecue vor dem Wohnwagen ebenso wenig Geld ausgeben wie die Camper, die hier Station machen – Letztere findet man abends vorwiegend im À-la-carte-Restaurant des Hotels. Das unterschiedliche Budget spielt nackt und in der "Wildnis" offensichtlich eine deutlich untergeordnete Rolle.

Die Frage ist dann nur noch, ob man im größten Seengebiet Europas auch jene Stadt besuchen will, die der Flughafen Kuopio eigentlich bedient. Kann man ruhig, vielleicht für einen Tag, denn dem Kleinstadtflair werden hier immerhin elf Museen von teilweise überregionaler Bedeutung entgegenstellt. Lohnenswert ist vor allem das Orthodoxe Museum, denn aufgrund der Nähe zur autonomen russischen Region Karelien hat man hier die größte Sammlung orthodoxer Kirchenkunst Westeuropas zusammengetragen. Aber keine Sorge: Gleich hinter der Stadt in Riistavesi beginnt mit dem Keskimmäinen-See wieder die Wildnis, wo allerdings nur Zugvögel direkt landen dürfen. (Sascha Aumüller/DER STANDARD, Printausgabe, 12./13.4.2008)

  • Am "Lake Terminal" des Flughafens Kuopio kennt man keine Transferzeit zum Abenteuerurlaub. Er beginnt hier.
    foto: visitfinland imagebank

    Am "Lake Terminal" des Flughafens Kuopio kennt man keine Transferzeit zum Abenteuerurlaub. Er beginnt hier.

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