Gusenbauer: "Nicht das Ende aller Tage"

11. April 2008, 13:34
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Schüler des Gymnasiums Stubenbastei fragen Alfred Gusenbauer nach der Abschaffung der Studiengebühren und über den EU-Reformvertrag – Ein Schulbesuch

„Was ist mit ihm, wo bleibt er?“, sagt ein Mädchen und schaut auf die Zeitanzeige ihres Handys. Es hat schon vor Minuten den Stundenbeginn geläutet. An die hundert 16 bis 18-Jährige haben sich in den Festsaal des Gymnasiums Stubenbastei im ersten Wiener Gemeindebezirk gedrängt. Manche sitzen auf dem Boden, andere am Rand der Bühne, weil es zu wenig Sessel gibt. Er aber ist immer noch nicht da. Mit einer viertel Stunde Verspätung kommt er dann endlich, der Kanzler. Hemdsärmelig, ohne Sakko, ohne Krawatte und mit dem breiten Grinsen, dass er seit jener Nacht im Oktober 2006, als die SPÖ die Nationalratswahl gewonnen hat, nur selten abgelegt hat.

Er ist nicht hier um seine versprochenen Nachhilfestunden abzuleisten, Alfred Gusenbauer ist zum Reden da. „Wählen mit 16“ lautet das Thema und die erste Frage, ob Gusenbauer dafür sei, dass in Hauptschulen politische Bildung unterrichtet werde. Der Kanzler setzt zum Reden an und erzählt von „stichhaltigen Argumenten“, die er aber nicht benennt, von der „Henne-Ei-Problematik“. Kratzt dann doch Kurve: „Politische Bildung gehört auf jeden Fall unterrichtet“. Und: „Bei Hauptschülern hat man ja auch die Möglichkeit später, zum Beispiel in der Berufsschule etwas zu unternehmen“. Zwei Burschen in der Vorderreihe, Chemiebücher am Schoß lachen leise.

EU-Reformvertrag

Dann will einer wissen, warum es keine Volksabstimmung zum EU-Reformvertrag gegeben habe. Nur dass die Kronen Zeitung, FPÖ und BZÖ dagegen seien, sei noch lange kein Grund für eine Abstimmung, Volksabstimmungen solle es nur bei wesentlichen Grundsatzentscheidungen geben und der EU-Reformvertrag sei definitiv keine solche. Genauer informieren könne man sich beim Europatelefon „alles andere gerne auf Nachfrage, ansonsten 0800 22 11 11“, sagt der Kanzler.

„Unsere Politiker betonen immer eher die eigenen Leistungen, als die der EU“, findet jemand in der ersten Reihe. Gusenbauer schweigt einen Moment. Dann sagt er, das stimme wahrscheinlich. „Wenn ich über den Vertrag spreche, habe ich meine eigene glorreiche Rolle beim Zustandekommen nicht herausgestrichen“, sagt Alfred Gusenbauer. Er habe sich immer schon viel mit der EU befasst, schon damals, als noch einen Wahlkreis im Mostviertel geleitet habe. „Ich habe ein Drittel der Zeit über die Welt geredet, ein Drittel über Europa und ein Drittel über Österreich. Ich war ein Exot im Mostviertel“. Dann erzählt der Mann, der einst zu UdSSR-Zeiten als SJ-Vorsitzender die Moskauer Erde küsste, von der „Barbarei“ die bis vor kurzem in Europa geherrscht habe - in der Diktatur hinter dem Eisernen Vorhang. „Die EU ist ein zivilisatorischer Quantensprung“, findet der Kanzler. „Ich habe mir die Leute angeschaut, die demonstrieren gegangen sind. Denen geht es gar nicht so sehr um die EU, sondern sie suchen ein Ventil für andere Unzufriedenheiten“.

Deutsche Studenten und Studiengebühren

Ein Mädchen möchte wissen, warum die Regierung nichts gegen die vielen deutschen Studenten unternimmt, warum man die Mediziner beispielsweise nicht nach Studienabschluss zehn Jahre binde. Während einige Schüler aufstehen und gehen, erzählt Gusenbauer von den Arbeitswirklichkeiten in Brüssel: „Ich habe gesagt, Freunde, das kann nicht die Lösung sein, das wir die deutschen Ärzte ausbilden. Da habe ich mich ziemlich reingehaut“, sagt er und fügt an: „Ich könnte es mir ja leicht machen und mich auf die Vorgängerin ausreden, aber das ist billig“. Gemeinsam mit Gio Hahn versuche Gusenbauer nun zu ermitteln, wie viele Ärzte das Land brauche.

Schließlich die unvermeidbare Frage: wie stehe es um die Abschaffung der Studiengebühren? Und die unvermeidbare Antwort: „Ich hätte sie wirklich gerne abgeschafft, aber es hat einfach keine Mehrheit gegeben. Nur die Grünen und wir waren dafür. Aber es ist ja nicht das Ende aller Tage“.

Zum Schluss Applaus für Gusenbauer und die Schüler, dann bricht der Kanzler Richtung Steiermark auf. (Birgit Wittstock, derStandard.at, 11.04.2008)

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    derstandard.at/wittstock
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