NS-Morde: "Ein Drama, über das man nicht redet"

18. April 2008, 17:22
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Veranstaltungsreihe im Bregenzerwald über NS-Morde an Kranken und Behinderten

Egg - 62 Menschen aus dem Bregenzerwald, darunter Kinder wie Ilse Geuze, wurden Opfer des nationalsozialistischen Euthanasieprogamms. "Nach neuesten Recherchen müssen wir davon ausgehen, dass die Zahl der Opfer noch viel höher ist", sagt Kurt Bereuter vom Kulturforum Bregenzerwald. Historiker Wolfgang Weber schätzt die Zahl der ermordeten Bregenzerwälder auf "mindestens 100". Ein weiteres Dutzend Männer und Frauen wurden zwangssterilisiert. Weber: "Ein Drama, über das man nicht redet."

Neueste Forschungsergebnisse verändern die Statistik, aber auch die Berichte von Zeitzeugen und Angehörigen. "Die Leute sollen reden" ist eines der Ziele, die sich Kulturschaffende wie Museumsleiter Andreas Hammerer gesetzt haben. Mit einer Veranstaltungsreihe aus Fachvorträgen, Filmen, Diskussionen und einer Ausstellung nähert man sich dem Tabuthema NS-Vergangenheit.

Im "HeimatEGGMuseum", das sich nicht nur durch die Schreibweise von traditionellen Heimatmuseen unterscheidet, wurde Donnerstagabend eine Ausstellung zum Thema "Euthanasie" eröffnet. 15 Schautafeln, einige davon von Schülerinnen und Schülern gestaltet, erzählen von Opfern und Tätern. An Ilse, den fröhlichen Blondschopf aus Alberschwende wird erinnert. Sie war wegen eines Sprachfehlers in einem Sprachheilheim. Die Nazis lösten das Heim auf. Ilse wurde ins Schloss Hartheim verschleppt, wo sie im Jänner 1941 ermordet wurde. "Unwert" war ihr Leben nach NS-Diktion.

Die Ausstellung verschweigt nicht, wer "die Nazis" waren. Eine der Tafeln zeigt Josef Vallaster, den "Oberbrenner" in der Vergasungsmaschinerie von Hartheim. Wie Ilse stammte er aus Vorarlberg. Andere Tafeln geben Aufschluss darüber, wer die Selektion, die Erarbeitung der Sippenakten in den Dörfern und Regionen zu verantworten hatte. Zehn Ärzte waren im Bregenzerwald tätig, zwei davon auch als NSDAP-Ortsgruppenobmänner. Nach dem Krieg bekamen alle wieder Kassenverträge.

Einigen Kommunalpolitikern ist das Thema "zu sensibel". Sie wollen keine Veranstaltungen im Dorf. Die Entscheidung über eine Gedenktafel wird zwischen den Gemeinden hin- und hergeschoben. (Jutta Berger, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11. April 2008)

Ausstellung "NS-Euthanasie im Bregenzerwald".
Im HeimatEGGMuseum.
Bis 30. Juni.
Mi. und Sa., 15 bis 17 Uhr.
  • Ilse Geuze wurde als Elfjährige von den Nazis ermordet.
    foto: familie geuze

    Ilse Geuze wurde als Elfjährige von den Nazis ermordet.

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