Das längste Spätwerk der Welt

16. April 2008, 11:36
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Die Wiener Albertina zeigt "Oskar Kokoschka - Exil und Neue Heimat 1934-1980", die zweite Ausstellung des OK-Schwerpunktjahres

Die behauptete "Neupositionierung" des Meisters aus Pöchlarn ist nicht nachvollziehbar.


Wien - Ob die aktuelle Ausstellung in der Wiener Albertina Oskar Kokoschka - Exil und neue Heimat 1934-1980 zur von Albertina-Direktor Klaus Albrecht Schröder angekündigten "Neupositionierung" des österreichischen Malers und Zeichners führen wird, sei ebenso dahingestellt, wie nicht selbstverständlich hingenommen werden muss, dass diese Neupositionierung "seit Langem erforderlich" war.

Die Kunstgeschichte ist voller Beispiele von Ausstellungen, die, vielleicht aus einer inhaltlich zwingenden Situation heraus zustande gekommen, vielleicht auch nur aus purem Zufall oder einfach nur aus Lust, sich erst im Nachhinein als womöglich revolutionär erwiesen haben. Und mögen deren Kuratoren sich auch insgeheim erhofft haben, mit ihrer Schau jemandem zum Durchbruch verhelfen zu können oder gar ein ganzes Werk in ein völlig neues Licht zu stellen, sie hätten abgewartet, was immerhin den Vorsatz bedeutet, eintrudelnde Reaktionen auch ernstzunehmen.

Aber vielleicht ja ist der Druck, der auf den Direktoren von heute lastet, tatsächlich so enorm, dass keine Zeit mehr bleibt, die womöglich auch noch disparaten Außensichten abzuwarten. Da ginge einfach zu viel Geld den Wienfluss hinunter. Geld, das dringend nötig ist, im Konkurrenzkampf zu bestehen, Geld, um rasend zu erweitern - Häuser ebenso wie Karrieren. "Direktor" ist längst kein Ziel mehr, an dem angekommen man sich endlich abgesichert und folglich konzentriert mit Inhalten beschäftigen kann. "Direktor" ist auch nur mehr ein zu erledigender Eintrag in einer - Quote, hilf! - noch kräftig anschwellenden Vita. (So wie "Häuser" ja auch keine Gebäude mehr sind oder Sammlungen oder Kulminationspunkte von Geschichte, sondern "Marken", unter denen zu verkaufen alles erlaubt ist, was eben "reingeht".) Jedenfalls sucht Klaus Albrecht Schröder die Marke "Albertina" so lange untrennbar mit der Marke "Klaus Albrecht Schröder" zu verbinden, bis er zur nächstlohnenderen Marke wechseln kann.

Wettrüsten

Und also wird eben einmal schnell der Oskar-Kokoschka-Begriff neu entworfen. Nicht etwa, weil sich das inhaltlich jetzt besonders aufgedrängt hätte, sondern weil: Der Konkurrent Belvedere macht auch Kokoschka. Und wenn Direktorin Agnes Husslein dort dessen Frühwerk zeigt, dann muss die Albertina das sogenannte Spätwerk eben so super neu positionieren, dass es absolut wichtiger erscheint, der Konkurrent möglichst abstinkt.

Das Linzer Museum Lentos kann bei diesen Spielen schon aus Budgetgründen rüstungstechnisch nicht mithalten, versucht aber schlau mit dem klingenden Titel Oskar Kokoschka - Ein Vagabund in Linz. Wild, verfemt, gefeiert ab 31. 5. die Skandalkarte zu spielen. Abwarten. Und vorher Exil und neue Heimat 1934-1980 in der Albertina nicht nur der Liebe zu OK wegen wirken lassen, sondern auch hinsichtlich des Wahrheitsgehalts der "Neupositionierung" abgehen. Also man sieht: Oskar Kokoschka war ein genialer Zeichner, der es verstand, das Wesen seiner Motive in einem wie zufällig festgehaltenen Moment zu verdichten. Als Besonderheit lässt sich dabei der erstaunlich eigenwillige Einsatz einer ganzen Palette von Buntstiften bemerken. Stimmt, gilt aber länger schon als Lehrmeinung. Der ganz spezielle Einsatz von Farbe führt in den Malereien zu Lichtstimmungen, die ein Bild eindeutig als Kokoschka ausweisen. Vor allem dann, wenn ein Fluss im Bild ist und idealerweise eine Stadt teilt. Toll, ganz eindeutig Kokoschka. Die stadtbildenden Architekturen selbst lagen ihm ja weniger. Stimmt! Auch nicht neu! Resümee: Eine schöne Ausstellung ist es geworden, öllastig und bunt. OK ist ganz der Alte. Beruhigend, dass der sich nicht so einfach umpositionieren lässt. Erweitert ist bloß der Spätwerk-Begriff: 50 Jahre! (Markus Mittringer / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.4.2008)

Bis 13. 7.
  • Neu positioniert, weil womöglich erstmals in einer grafischen Sammlung: Oskar Kokoschkas "Das rote Ei".
    foto: albertina

    Neu positioniert, weil womöglich erstmals in einer grafischen Sammlung: Oskar Kokoschkas "Das rote Ei".

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