Musikrundschau mit Quengeligem

16. April 2008, 11:04
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Neue CDs: Foals, Stephen Malkmus, Chromatics, Robert Owens, Ruby Suns, Spectrum, Be Your Own Pet!, Viele Bunte Autos, Whip X, Raconteurs

FOALS
Antidotes
(Transgressive/Warner)
Unter der Produktionsregie des New Yorkers David Sitek (TV On The Radio) baut die junge Band aus dem britischen Oxford auf diesem Debüt den Trend zum Afropop im Sinne der alten Vorgaben der Talking Heads (Remain In Light, 1980) zum Breitensport aus. Mitreißend und zwingend verschränken sich minimalistische, verhallte, quengelnde High-Life- und Juju-Gitarrenlicks mit gequält-neurotischem Chorgesang, forschem Schlagzeug, Trötsaxofon und Bläsern zu einem der bisherigen Höhepunkte des Popjahres. Manchmal drängen klassische Britpopelemente in diese herausragende Arbeit, werden allerdings mittels Aufhebung von Strophe-Refrain-Schemata und der Zuführung einer erheblichen Portion Funk gleich wieder von der Tanzfläche gewischt. Die Foals dürften heuer in diversen Jahresbestenlisten ganz vorn mit dabei sein.

STEPHEN MALKMUS & THE JICKS
Real Emotional Trash
(Domino/Hoanzl)
Stephen Malkmus, Gott der quengeligen Slackergitarre, einer Kunstform, die er mit der Band Pavement einst zu höheren Weihen brachte, liefert hier sein bislang bestes Soloalbum ab. Die Produktion ist druckvoll wie zu besten Zeiten, und die Melodien werden nicht mehr auf Gedeih und Verderb dekonstruiert, sondern auch ausgespielt. Das führt zu ziemlich länglichen Songs, die dennoch spannend bleiben. Ein Chef der Verdichtung auf voller Länge, der Malkmus!

CHROMATICS
Night Drive
(Italians Do It Better)
Das US-Trio produziert mit flächigen Keyboards, Sequencer, Drumcomputer und verhallter Gitarre minimalistische, melancholische Disco-Tracks für die frühen Morgenstunden in der Nachbarschaft des unterkühlten New-Wave-Pop der legendären Young Marble Giants, wenn diese sich von Giorgio Moroder hätten produzieren lassen. Besonders hübsch: eine reduzierte Interpretation des Kate-Bush-Klassikers Running Up That Hill. Hier fällt auch gar nicht auf, dass Ruth Radelet eigentlich nicht singen kann.

ROBERT OWENS
Night-Time Stories
(Compost/ Hoanzl)
Owens, singendes Urgestein des Chicago House (Fingers, Inc.!), versteht es wie wenige, den pumpenden Beats des Genres Seele zu verleihen. Dem oftmaligen Gastsänger, der zuletzt Coldcuts Walk A Mile In My Shoes gesanglich in höhere Sphären katapultierte, gelingt es, den hedonistischen Versprechungen, die die Disco nur selten einlösen kann, wenigstens für die Dauer eines Tracks nahezukommen. Das liest sich nach nicht viel, klingt aber relativ einzigartig.

THE RUBY SUNS
Sea Lion
(Universal)
Mit Gesang, der an Willkommenschöre freundlicher Inselbewohner erinnert, und zart karibisch angehauchtem Folk öffnen The Ruby Suns die Herzen ihrer Hörer. Aus grundsympathischem Low-Fi mit lieblichen Stimmen und verwegenem Instrumentarium erwachsen verwaschene, in ihren Unschärfen reichlich Charme verströmende Popsongs, wie sie die Band Neutral Milk Hotel an sonnigen Tagen zu spielen imstande war. Leider hält das nicht auf voller Länge, eine tolle halbe Sache ist Sea Lion jederzeit.

SPECTRUM MEETS CAPTAIN MEMPHIS
Indian River
(Birdman/Trost)
Peter Kember alias Sonic Boom, ehedem bei den legendären britischen Drogenfressern und Psychedelik-Minimalisten Spacemen 3 beschäftigt, trifft in Memphis auf den nicht minder legendären Produzenten und Musiker Jim Dickinson (Ry Cooder, Bob Dylan, Rolling Stones, Aretha Franklin, Big Star, The Cramps ...). Heraus kommt eine wilde Mischung aus Swamp- und Krautrock sowie flirrender Elektronik, die von Dickinsons kaputter Sprechgesangsstimme veredelt wird. Hervorzuheben wären der Track The Lonesome Death Of Johnny Ace oder Neubearbeitungen von Kembers Amen und When Tomorrow Hits. Groß!

BE YOUR OWN PET!
Get Awkward
(XL Recor-dings / Edel)
Hübsch durchgeknallter, von Jemina Pearl messerscharf gebrüllter und von Sonic Youths Thurston Moore protegierter US-Teen-Punk, der laut pitchforkmedia.com mitunter tatsächlich an die Hausband der Muppets-Show erinnert, wenn diese Black Flag gehört hätte. Die Single Becky erfreut mit einem an die Shangri-Las auf Amphetaminen erinnernden Girl-Pop, der das Ende einer Beste-Freundinnen-Beziehung ziemlich heftig verhandelt. Kinder sollten statt Christl Stürmer Be Your Own Pet! hören. Da könnten sie dazu auch gleich ihr Englisch verbessern.

VIELE BUNTE AUTOS
Jetzt komme ich
(www.klanggalerie.com)
Das schmale Werk der Wiener Frühachtziger-Band Viele Bunte Autos (Szene-Wirt Herbie Molin, Angie Mörth-Hergovich, Rudi Platzer und Pilotenbrillenträger Fritz Ostermayer) wurde hier erstmals zusammengetragen. Der minimalistische New Wave mit Zeitgeistsaxofon und Quietschgesang sollte alle erfreuen, die mit Bands wie Chicks On Speed etwas anfangen können. Der schönste Song ist Küsse mit der ewigen Zeile "Mama, kann man vom Küssen Kinder kriegen?" flu

THE WHIP X
Marks Destination
(Edel)
Die Band aus Manchester kriegt zu Hause reichlich Lorbeer als "das beste seit LCD Soundsystem". Diese Steilvorlage geht sich nicht ganz aus, die Richtung ist aber getroffen: Danceflour aus Versatzstücken der Vergangenheit werden mit Vier-Uhr-morgens-Grölstimme veredelt. Frustration, der zweite Track, klingt allerdings so sehr von LCD Soundsystem "beeinflusst", dass Trittbrettfahrerverdacht aufkommt. flu

DIVERSE INTERPRETEN
Nigeria Special. Modern Highlife, Afro Sounds & Nigerian Blues 1970-1976
(Hoanzl)
Wem die polyrhythmischen Exzesse mancher afrikanischer Musik nicht taugen - locker bleiben. Diese grandiose Kompilation nigerianischer Musik aus den 70er-Jahren über zwei CDs bietet einen gut abgehangenen Querschnitt ohne Zappelphilipp-Alarm. Im Gegenteil: Wenn hier Blues und Funk angesprochen werden, dann klingt das auch danach und hat nichts mit eitlem Gebolze von nach Westen getragenen Sounds zu tun. Eine Offenbarung für jeden, der mit Blues, Funk oder auch kubanischer Musik etwas anfangen kann.

THE RACONTEURS
Consolers Of The Lonely
(XL Recordings / Edel)
Jim White von den White Stripes veröffentlicht mit seiner Zweitband gerade ein tüchtig Richtung Früh-70er-Jahre schiebendes neues Album voller alter, Jimmy Page glücklich machender Bluesrock-Riffs im zeitgenössischen Gewand, bei dem im Gegensatz zum Debüt Broken Boy Soldiers die hochenergetische Mannschaftsleistung im Vordergrund steht. Auch zwischengeschobene Klavierballaden wie You Don't Understand Me rumpeln ganz prächtig. (schach/flu / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 11.4.2008)

  • "Jetzt komme ich"
    foto: klanggalerie

    "Jetzt komme ich"

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