Der Schatz, den keiner vermisste

16. April 2008, 11:35
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"Gesicht der Zeit": Gruppenausstellung von 1955/56 der weltberühmten Fotoagentur Magnum als Revival bei Westlicht

Dass sie nicht weggeworfen wurden, sei genauso erstaunlich wie der Umstand, dass die Fotografien fünfzig Jahre unentdeckt in einem Keller lagen, meint Kunsthistoriker Christoph Schaden. Gemeint sind jene zwei Kisten mit insgesamt 83 Vintage Prints von acht berühmten Magnum-Fotografen. Vor ein paar Jahren sind die Holzkoffer im Innsbrucker Institut Français wieder unversehrt aufgetaucht. Darin verborgen: die komplette erste, aber vergessene Gruppenausstellung von 1955/56 der weltberühmten Fotoagentur.

Hätte man den Schatz um gute zwanzig Jahre früher gehoben, vermutet Schaden, wäre es um das Schicksal der Exponate nicht so gut bestellt gewesen. Damals wären die Bilder - Schwarzweißabzüge, aufgezogen auf farbige Holzfaserplatten - womöglich im Müll gelandet, hatten einfach noch nicht den Status wie jetzt, wo die erste Restaurierung der zum Teil vom Klebstoff arg mitgenommenen Fotodokumente von Henri Cartier-Bresson, Marc Riboud, Jean Marquis, Werner Bischof, Robert Capa, Erich Lessing, Inge Morath und Ernst Haas bereits einen fünfstelligen Euro-Betrag verschlungen hat.

Im Westlicht präsentiert man nun die historische Ausstellung "Gesicht der Zeit", die - die Etiketten auf den Kisten verraten das - von Innsbruck nach Wien, Bregenz, Graz, Linz und retour nach Tirol reiste, wo die Kisten dann verschollen sind. Obwohl: "verschollen" ist eigentlich nicht ganz richtig. Denn niemand vermisste Kisten oder Aufnahmen, weder die Fotografen, noch Magnum. Als die Fotos retourniert wurden, suchte man in den Agentur-Archiven, wo die Geschichte der ersten Ausstellung unter dem Label Magnum (bisher: fotokina, 1958) nun neu geschrieben werden musste, nach Hinweisen: nichts. Man fragte die Fotografen: nichts. Keiner der lebenden Künstler erinnerte sich überhaupt an die österreichische Ausstellung. Erich Lessing gestand sogar kürzlich, dass er sich an vier der Aufnahmen gar nicht entsinnen könne.

Die Geschichte böte eine spannende Fotokrimivorlage. Schaden nahm die Spurensuche auf, konnte aber bis heute weder Angaben zum Kurator, noch den Katalog ausfindig machen. Am ergiebigsten erwies sich für ihn die Medienberichterstattung jener Tage, die auch den Stellenwert und die Rezeption von Fotografie als Kunst erhellt. Reportagefotografie sollte in die Magazine, nicht an die Wand. Und die Wiener Zeitung urteilte: "Eine aufgebauschte Pariser Drucksachen-Sendung".

Im Drucksachen-Zentrum präsentierte sich Cartier-Bressons Serie über die letzten Lebenstage und die Totenfeier Mahatma Gandhis. Diesen Umstand verrieten abermals die Kisten, die Hauptinformationsquelle im Fotokrimi. In den Schatzkistlein verbargen sich neben schwarzen Namenstäfelchen etwa auch dezidierte Angaben zur Hängung. Stoß an Stoß sollten die - zum Teil angeschnittenen - Tafeln präsentiert werden. Davon wurde nicht nur aus konservatorischen Gründen abgesehen: Zum Teil war das auch inhaltlich und ästhetisch nicht nachvollziehbar. Ebenso unerklärlich erscheinen bei näherer Betrachtung die Platten selbst: Wie eine windschiefe Laubsägearbeit aus der Volksschule. Ein Rätsel also. (kafe / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 10.4.2008)

Westlicht. Westbahnstraße 40, 1070 Wien. Bis 18. 5. www.westlicht.at
  • Sehr surreale Momente von formalästhetischer Schönheit fing Ernst Haas in Ägypten ein, als er in Vertretung von Robert Capa die Dreharbeiten zum Hollywood-Monumentalfilm "Land der Pharaonen" begleitete.
    foto: ernst haas

    Sehr surreale Momente von formalästhetischer Schönheit fing Ernst Haas in Ägypten ein, als er in Vertretung von Robert Capa die Dreharbeiten zum Hollywood-Monumentalfilm "Land der Pharaonen" begleitete.

  • Das Kaleidoskop der internationalen Reportagefotografie ergänzten Erich Lessings heitere Aufnahmen von Wiener Kindern während der Besatzungszeit.
    foto: erich lessing

    Das Kaleidoskop der internationalen Reportagefotografie ergänzten Erich Lessings heitere Aufnahmen von Wiener Kindern während der Besatzungszeit.

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