Fernbeziehung zur Avantgarde

16. April 2008, 11:35
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Die 5. Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst ist eröffnet: Die Kuratoren Adam Szymczyk und Elena Filipovic haben "When things cast no shadow" auf drei bekannte Orte und eine Brache verteilt

Was haben der spanische König Philipp II. und der Schlagersänger Julio Iglesias gemeinsam? Nun, der König erbte ein Reich, in dem die Sonne nicht unterging, und der Sänger trägt eine Haut zu Markte, die von der Sonne gegerbt ist. Doch damit nicht genug: Beide Männer haben acht Kinder gezeugt, beide bewohnten für eine Weile die größten Paläste ihrer Zeit, beide vertraten Spanien "in orbe ultimo".

Die kleine Geschichtsstunde von Patricia Esquivias in ihrem viertelstündigen Video Folklore #2 steckt voller Überraschungen, weil die gebürtige Venezolanerin sich nicht mit den Experten aus der historiografischen Zunft messen will, sondern einen Beitrag zu den Wissensformen leistet, von denen das Leben der meisten Menschen zunehmend überformt wird.

Wissensgerümpel macht sich in den Köpfen breit, wer darin Ordnung schaffen will, schafft neue Konfusion. Folklore #2 ist über die Schulter der unsichtbar bleibenden Künstlerin gefilmt, die auf ihrem Schreibtisch das Material ihrer Betrachtungen hin und her schiebt: Schnipsel aus der Regenbogenpresse, Landkarten, Statistiken. Alles ist Thema, alles kann Sinn machen. Folklore #2 ist eine symptomatische Arbeit auf der 5. Berlin Biennale, die am vergangenen Wochenende eröffnet wurde. When things cast no shadow haben die beiden Kuratoren Adam Szymczyk und Elena Filipovic über die ganze Veranstaltung geschrieben – die Sonne steht in diesem Kunstweltreich also entweder immer im Zenit, oder sie scheint gar nicht.

Das ist angemessen geheimnisvoll und klingt fast ein wenig utopisch. Praktisch heißt das aber vor allem, dass diese Biennale auf das Licht und den Schatten verzichtet, die Werke aufeinander werfen. Es gibt so gut wie keinen Zusammenhang. Jede Arbeit steht für sich und belässt das Nebenwerk im schattenlosen Eigenreich. Positiv gewendet ist der einzige Zusammenhang dieser Berlin Biennale der Ort, an dem sie stattfindet: Berlin, ehemalige Frontstadt des Kalten Kriegs, heute Frontstadt des Kunsthypes und Hauptstadt jener nachdenklichen Nation, von der Die Zeit vergangene Woche schrieb, dass ihre Kunst das eigentliche Exportwunder darstellt.

Adam Szymczyk und Elena Filipovic haben vor allem die Grundaufgabe für Kuratoren souverän gelöst: Sie haben zu dem angestammten Ort in den Kunst-Werken Berlin drei zusätzliche Locations aufgetan, sodass der Besuch der Ausstellung eine Stadtwanderung von Ost nach West und zurück an den Streifen erfordert, an dem einst die Mauer stand. Hier, an den Ausläufern von Kreuzberg nach Mitte, befindet sich ein Skulpturenpark auf einer Brache, von der selbst eingeborene Berliner häufig noch nie Notiz genommen hatten. Hier läuft das Kunstpublikum mit dem Folder in der Hand von Strauch zu Erdloch, um wie bei einer Schnitzeljagd die Kunstwerke zu suchen.

Im Skulpturenpark wird auch der Film gezeigt, der zu den eingängigsten und mutmaßlich populärsten Arbeiten dieser Biennale gehört: Berlinmuren von Lars Lauman erzählt von einer anlehnungsbedürftigen Schwedin, die 1978 die Berliner Mauer geheiratet hat. Eija-Riita Berliner-Mauer, wie die Angetraute nun mit vollem Namen heißt, erzählt so treuherzig von ihrer Liebesgeschichte mit einem historischen Ex-Monument ("meistens war es eine Fernbeziehung"), wie Patricia Esquivias ihr unmögliches Paar Philipp II-Julia Iglesias vorstellt.

Lust und Frust

Im Grunde entstammt auch der kleinste Ausstellungsort dieser Biennale einer unmöglichen Konstellation: Der Schinkel-Pavillon hinter dem Kronprinzenpalais stammt aus der DDR und bildet eine mehrfach anachronistische Architekturminiatur, ein Lustgebäude für eine Frustgesellschaft. Der Pavillon gewährt auch einen schönen Blick auf den Palast der Republik, der in der gegenwärtigen Phase seines Abrisses eine grandiose Skulptur des Hasses auf die Moderne darbietet.

Umso passender, dass Szymczyk und Filipovic als vierten Ort die Neue Nationalgalerie von Mies van der Rohe ausgesucht haben, das prototypisch moderne Glasgebäude im Westen des Potsdamer Platzes. Piotr Uklanski hat eine abstrakte Stahlfaust davor aufgepflanzt, im Inneren herrscht dann aber die friedfertige Kleinteiligkeit vieler Arbeiten, die sich vom Genius des Ortes inspirieren haben lassen. Susan Hiller zeigt hier The Last Silent Movie, einen untertitelten Schwarzfilm, zu dem ein unübersetzbares Wiegenlied von einem Stamm zu hören ist, der nicht mehr existiert. Derlei Avantgarde-Gesten, die ein "letztes Mal" zu irgendeinem Neben- oder Detailstrang der Kunst- und Mediengeschichte finden wollen, sind aber die Ausnahme in dieser schmiegsamen Biennale.

Der Türke Ahmet Ögut hat dieser Bespielung unsichtbarer Nischen die stärkste Geste entgegengehalten: Er hat den Hauptraum der Kunst-Werke ausgeräumt und asphaltiert. Letzte Woche roch es noch ein wenig nach Teer, inzwischen wird sich die Sache verfestigt haben. Der schwarze Boden sieht nun aus wie eine Ritualstätte, die alle Schatten, die auf dieser Biennale nicht geworfen werden dürfen, in sich hineingefressen hat. Wenn sie wieder daraus hervorbrechen, dann in den filigranen Comics des Norwegers Pushwagner, der in seiner "graphic novel" Soft City all die negativen Visionen sichtbar macht, die von der braven Moderne dieser Biennale geflissentlich in einen Schatten gestellt wurden, den es nur dem Titel nach nicht gibt. (Bert Rebhandl aus Berlin, DER STANDARD/Printausgabe, 08.04.2008)

Bis 15.6.
  • Typisch für die brave Moderne der aktuellen Berlin Biennale: Lili Reynaud-Dewar: "Les garcons sauvages", (2008).
    foto: berlin biennale

    Typisch für die brave Moderne der aktuellen Berlin Biennale: Lili Reynaud-Dewar: "Les garcons sauvages", (2008).

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