Immer verkrümmter

7. April 2008, 16:22
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Rund 400.000 Österreicher leiden an Morbus Bechterew, einer Erkrankung, bei der sich die Wirbelsäule langsam versteift - Bis zur Diagnose dauert es bis zu sieben Jahre

Valerie Nell-Duxneuner erlebt manchmal Erstaunliches: Eines Tages, so die Rheumatologin vom Hanusch-Krankenhaus in Wien, wäre ein Herr zu ihr gekommen, dessen Rücken gebeugt, sein Hals dabei so nach vorn gestreckt gewesen sei, "dass er nicht mehr geradeaus schauen konnte". Noch heute fragt sie sich, warum er nicht früher kam. Der Mann leidet an Morbus Bechterew.

Morbus Bechterew

Langsam versteift sich bei Betroffenen die Wirbelsäule. Das Fatale daran: Die Krankheit beginnt schleichend. Die ersten Symptome könnten auf jeden Zweiten zutreffen: sich morgens zunehmend schwer aus dem Bett hieven, weil der Rücken peinigend nach unten zieht. Oder: bei Bewegung lassen die Schmerzen nach.

Entzündung an Wirbeln und Gelenken

Was bei Morbus Bechterew tatsächlich passiert, ist, dass sich auf Höhe der Lenden kleine Entzündungen an Wirbeln und deren Gelenken entwickeln, auf Dauer wachsen die einzelne Wirbelkörper zusammen. Männer, so die Statistik, sind dreimal häufiger als Frauen betroffen.

Selbstzerstörung

Morbus Bechterew gehört zu den Autoimmunerkrankungen, einem Oberbegriff für Krankheiten, bei denen sich die Abwehrkräfte plötzlich gegen den eigenen Körper richten. Dazu gehören die rheumatoide Arthritis genauso wie etwa die chronischen Darmentzündungen Morbus Crohn oder multiple Sklerose. Die Ursachen dafür sind unklar.

Ursache im Magen-Darm-Trakt

Bei Morbus Bechterew geraten die Wirbel unter Beschuss und sorgen für schwelende Entzündungen am Kreuz. Eine Ursache vermuten Rheumatologen derzeit bei einem Keim im Magen-Darm-Trakt. "Doch auch das ist lediglich eine Hypothese", sagt Chef-Rheumatologe Josef Smolen vom AKH Wien. Der Großteil der Patienten weist jedoch Entzündungen im Verdauungstrakt auf, selbst wenn sie unbemerkt bleiben.

Schlüsselrolle Marker HLA-B27

Dass der Keim Wunden im Darm verursachen kann, führen Ärzte auf eine genetische Veranlagung zurück, weil nahezu alle Patienten den Marker HLA-B27 im Blut haben. Er scheint eine Schlüsselrolle zu spielen. Denn: HLA-B27 zeigt dem Körper, was er bekämpfen soll. Und offenbar sucht er sich Strukturen aus, die Angriffszielen an den Wirbelkörpern sehr ähnlich sind, und "stimuliert die Bildung von den knöchernen Spangen, die die Wirbel zusammenwachsen lässt", so Smolen.

Aufmerksame Augenärzte

Der Morbus Bechterew-Marker allerdings sorgt noch für weiteres Unheil. Er ist auch maßgeblich an Entzündungen der Regenbogenhaut im Auge beteiligt. So kommt es, dass vielfach Augenärzte auf die schleichende Rückgratversteifung aufmerksam werden und ihre Patienten an Rheumatologen überweisen.

Zu lange bis zur Diagnose

"Das grundsätzliche Problem bei Morbus Bechterew ist, dass wir Patienten erst in einem sehr fortgeschrittenen Stadium sehen", sagt Nell-Duxneuner, sieben Jahre dauere dauert es durchschnittlich bis zu einer korrekten Diagnose. Und das ist entschieden zu lange, denn so wie bei jeder anderen Krankheit auch verläuft die Behandlung umso erfolgreicher, je früher sie beginnt.

"Allerdings greifen wir erst ein, wenn Betroffene auch von Rückenschmerzen geplagt werden", sagt Valerie Nell-Duxneuner. Denn es gibt durchaus gesunde Menschen mit HLA-B27 oder einer Augenentzündung, die trotzdem niemals am Morbus Bechterew erkranken.

Bewegungstherapie

Denjenigen aber, denen die Entzündungen der Wirbelkörper zu schaffen machen, hilft vor allem eines: Bewegung. Krankengymnastik und Turnübungen, sie sollten auf dem Tagesprogramm jedes Betroffenen stehen. "Denn sie helfen nachweislich, die Schmerzen und Versteifung zu lindern", sagt die Rheumatologin.

Entzündungshemmende Schmerzmittel

Zusätzlich verabreichen die Ärzte auch entzündungshemmende Schmerzmittel. "Und zwar in ausreichend hohen Dosierungen", fügt sie hinzu. Erst wenn diese Medikamente nicht mehr helfen, greifen die Ärzte zu stärkeren Mitteln, die die Angriffsziele der Abwehrzellen blockieren. Gut 80 Prozent der Schwererkrankten lassen sich damit erfolgreich behandeln.

Hoffnung Früherkennung

Der Grundpfeiler einer erfolgreichen Behandlung aber sei eben eine frühe Diagnose, meint Nell-Dux-neuner und hofft, dass Ärzte bei typischen Beschwerden junger Patienten den Morbus Bechterew ins Auge fassen. "Nur dadurch kann es gelingen, Spätfolgen, die bis zur Invalidität führen können, zu verhindern", so Nell-Dux- neuner. (Edda Grabar; MEDSTANDARD, Printausgabe, 07.04.2008)

Wissen

Jochen Sieper und Martin Rudwaleit von der Berliner Charité haben im Fachjournal Current Rheumatology Reports drei Kriterien für Morbus Bechterew angegeben:

Chronische Rückenschmerzen im Lendenbereich, die länger als drei Monate bestehen, ohne dass eine klare Diagnose gestellt werden konnte. Schmerzen, die bereits vor dem 45. Lebensjahr eingesetzt haben und als Folgen einer Entzündung eingestuft werden.
Oder wenn im Blut der genetische Marker HLA-B27 auftritt.

Was ist HLA?
Die Abkürzung steht für Humanes Leukozyten-Antigen und ist ein wichtiger Bestandteil des menschlichen Abwehrsystems, weil es dem Zerstörungskommando des Körpers die Befehle gibt. (eg )

  • Morbus Bechterew lässt sich an der Körperhaltung erkennen. Die Wirbelsäule versteift sich.
    grafik: medstandard

    Morbus Bechterew lässt sich an der Körperhaltung erkennen. Die Wirbelsäule versteift sich.

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