Rundschau: Und so beginnt es

    2. Mai 2008, 17:26
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    Arthur C. Clarkes "Rendezvous mit Rama", die "Spin"-Fortsetzung "Axis", "Punktown", der "Flusswelt"-Zyklus, "Magma", "Das Jahrhundert der Hexen" und Teil 1 von Grimberts "Die Magier"

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    coverfoto: piper

    Marina und Sergej Dyachenko: "Das Jahrhundert der Hexen"

    Broschiert, 448 Seiten, € 10,30, Piper 2008.

    Tiere sterben, Pestfälle treten auf, Hexen werden verantwortlich gemacht und auf Scheiterhaufen verbrannt - doch es ist nicht die Vergangenheit, in der sich "Das Jahrhundert der Hexen" abspielt, sondern ein osteuropäisches Land der ungefähren Gegenwart. Computer, Fernsehen und Flugzeuge gehören in der fiktiven Millionenmetropole Wyshna ebenso zum Alltag wie untote Njawken und die sie bekämpfenden Tschugeister, die wie Streifenpolizisten die Straßen patrouillieren.

    Und es gibt die Inquisition, deren Aufgabe es ist, Hexen amtlich zu registrieren oder - wenn sie sich weigern - zu eliminieren. Großinquisitor Klawdi Starsh ist ein typischer Beamter in mittleren Jahren - abgeklärt, manchmal im Zwiespalt über die Konsequenzen seines Tuns, letztendlich aber von dessen Notwendigkeit überzeugt. Ihm gegenüber steht Ywha Lys, eine junge Frau mit dem Potenzial zur Hexe ... und überdies die künftige Schwiegertochter seines besten Feundes. Sie wünscht sich nichts mehr als einfach in Frieden und Freiheit leben zu können - doch dafür lebt sie in einer ungünstigen Zeit: immer mehr Hexen rotten sich zusammen, verüben Anschläge und werden zur gesellschaftlichen Bedrohung.

    Mit dem überragenden Erfolg von Sergej Lukianenkos "Wächter"-Reihe ist das Interesse an osteuropäischer Phantastik-Literatur wieder gestiegen - und das in Kiew lebende Ehepaar Dyachenko zeigt mit "Das Jahrhundert der Hexen" einmal mehr, dass dies gerechtfertigt ist: Das Wort Terrorismus fällt im Roman nie, und doch wirkt das Szenario nur zu vertraut. Die Dyachenkos verstehen es meisterlich die Sympathiefrage offen zu lassen: Im Rundfunk wird über Bürgerrechte diskutiert, Klawdi muss die sich abzeichnende Apokalypse rund um die Ankunft der prophezeiten Mutterhexe abwenden, wofür er nach Standard-Prozedur Frauen foltert - aber auch die Attacken der Hexen werden brutaler. Eine hypnotisch begabte Nackttänzerin, die ihr sabberndes Publikum vor dessen Tod zum Strippen zwingt, kann noch eine Art von Gerechtigkeit für sich verbuchen - später scheren sich ihre immer mächtiger werdenden Kolleginnen um die Opferauswahl nicht mehr. Die Gewaltspirale dreht sich weiter - doch wie Klawdi es ausdrückt: Jeder Henker sucht für sich eine Rechtfertigung.

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