"Jetzt" kann wohl warten

3. April 2008, 17:38
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Die "Diagonale" pflegt 2008 alte Themen

Graz – Also sprach das österreichische Filmschaffen: " Wir haben viel Erfolg. Wir brauchen viel Geld." Und, die Politik, auch nicht ohne, sie antwortete: "Wir nehmen diesen Erfolg zur Kenntnis. Wir müssen noch nachdenken, was man jetzt tun kann." Und dann dachten alle nach.

Auf diesen Nenner, seit Jahren sattsam bekannt, kann man auch die Stimmung rund um die diesjährige Diagonale bringen. Auch heuer ergeht man sich beim Festival des österreichischen Films in Graz in Disputationen über die Kluft zwischen Haben und Wollen, Können und Nichtdürfen, Schein und Sein. Wie immer ergibt das vorhersehbare Podiumsdiskussionen, in denen die dürftige Darstellung von Notwendigkeit auf die dürftige Darstellung von Handlungsunfähigkeit trifft.

Das heißt: Ex-Kunstminister Rudolf Scholten, seit kurzem Aufsichtsratsvorsitzender des Österreichischen Filminstituts, fragt zu Recht im Gefolge des Auslandsoscars für Die Fälscher: Wann mehr Geld, wenn nicht jetzt? Aber weil das tagespolitische Gedächtnis kurz ist, solche Sätze bei Diagonalen schon oft formuliert wurden, steht zu befürchten: "Jetzt" kann noch länger auf sich warten lassen.

Alle Beteiligten lassen sich aber ganz gewiss sehr gerne positiv überraschen. Dem Diagonale-Besuch von Ministerin Claudia Schmied sieht die Branche hoffnungsfroh entgegen. Dazwischen sagt die Noch-Festivalintendantin Birgit Flos in ihrer letzten Eröffnungsrede nebulose Dinge über "Stroh", das "zu Gold gesponnen" werden möge. Man ist geneigt hinzuzufügen: Möge es nicht das Stroh in den Köpfen sein! Möge das Märchen wahr werden.

Daneben: viel Programm, viele Filme, wenig Unterscheidbarkeit zwischen Kür und Pflicht. Dass wirklich alle Kurz- und Experimentalfilme in diversen Programmen Herzensanliegen der Intendantin sind (wie Flos behauptet), mag man kaum glauben. Manchmal überraschen seltsame Low-Budget-Produktionsblüten: Regisseur Dieter Berner etwa präsentierte mit einem Berliner Reigen eine Schnitzler-Adaption mit deutschen Schauspielstudenten. Budget: 40.000 Euro. Das Prinzip Selbstausbeutung zeitigt verblüffende, durchaus deprimierende Resultate: Viele Unterschiede zu ungleich höher dotierten Projekten sind nämlich für das breite Publikum kaum auszumachen.

Ein veritabler Erfolg, zumindest in Graz: die Präsentation zweier Pilotfilme der ORF-Serie Tschuschen:Power. Jeweils 25 Minuten über junge Migranten in Wien, sehr charmant gecastet, leichtfüßig in Form gegossen von Jakob M. Erwa, produziert von Franz Novotny (Exit). Weiters: Darum von Harald Sicheritz (siehe oben), Götz Spielmanns allerorten belobigtes Bauerndrama Revanche, Josef Hader als Mädchenmörder in Nikolaus Leytners Ein halbes Leben – mehr darüber am Montag. (cp, DER STANDARD/Printausgabe, 04.04.2008)

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