Hau drauf – und tschüss!

6. April 2008, 18:42
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Das weltberühmte Duo Gnarls Barkley ("Crazy") ist zurück. Auf "The Odd Couple" formuliert es eine alte Formel des Pop neu: Little Richards "A-Wop-bop-a-loo-lop a-lop-bam-boo!"

Wien – Weltruhm verpflichtet. Insbesondere, wenn dieser im zusehends darbenden Musikbusiness errungen wurde, in dem dieser Tage jede noch so kleine milchgebende Maus bis zur Erschöpfung und oft auch darüber hinaus gemolken wird. Etwa die singende Paris Hilton sowie diverse sich an der Kunst des Gesangs ebenfalls abmühende Skifahrer oder – demnächst im Überfluss – Fußballer.

Gnarls Barkley eine kleine Maus zu nennen wäre hingegen vermessen. Immerhin haben die beiden hinter diesem bizarren Arbeitstitel produzierenden Wunderkinder, Danger Mouse und Cee-Lo Green, vor zwei Jahren mit dem Ohrwurm Crazy den bislang größten Hit des laufenden Jahrzehnts aus dem Handgelenk geschüttelt.

Gelungen ist das dem bürgerlich Brian Burton und Thomas DeCarlo Callaway gerufenen Duo mit einer verwegenen Mischung aus euphorischem Gospel- und Soulgesang auf Basis meist simpler, aber infizierender Grooves und Soundschnipsel, die aus dem Fundus der Musikgeschichte bezogen werden.

Burton, die gefährliche Maus, hat sich vor der gemeinsamen Karriere mit dem rumpelnden Goldkehlchen über das von ihm geschaffene Grey Album in den vordersten Wahrnehmungsbereich einschlägiger Beobachter katapultiert. Auf dem Grey Album (2004) vermengte der New Yorker Produzent verbotenerweise das White Album der Beatles mit dem Black Album des HipHop-Superstars Jay-Z zu einer süffigen Mischung, die vor allem auch medial hochschwappte, weil der Beatles-Katalog für die Sample-Generation als unantastbar gilt.

Der aus Savannah im US-Bundesstaat Georgia stammende Cee-Lo etablierte sich vor Gnarls Barkley als Rapper mit der sich nun wieder vereinenden HipHop-Formation Goodie Mob, als gefeierter Solokünstler sowie im Umfeld der Südstaaten-Rapper Outkast: Hey Ya!, die.

Für eine Weltkarriere mussten Cee-Lo und Danger Mouse allerdings erst zusammenfinden. Crazy, bei weitem nicht der beste Song des Gnarls-Barkley-Debüts St. Elsewhere, war ein simpler Singalong-Hit, zu dessen hübscher Melodie Cee-Lo mit dem seit Soulgott Al Green beeindruckendsten Falsett jubilierte und tirilierte, dass es nur so eine Art hatte.

Vom enormen Zuspruch waren Mouse und Cee Lo gleichermaßen überrascht. Dieser Erfolg zeitigt nun das zweite Album des Gespanns, das am Freitag veröffentlicht wird: Das treffend benannte The Odd Couple (Warner).

Wer dieses begierig auf ein zweites Crazy scannt, wird eventuell enttäuscht sein – und kennt vom Debüt wahrscheinlich nicht mehr als diesen Hit. The Odd Couple setzt eher beim spannenderen Rest des Erstlings an und fort. Danger Mouse entwirft hier wieder eine eingängig-eklektische Musik aus Elementen von Sixtiespop und -soul, die er gefühlvoll und gewieft ins Jetzt befördert.

Darin bleibt er nicht schablonenhaft auf einem einmal etablierten Layout kleben, sondern führt seinen Ausnahmesänger über den Tellerrand des bereits Bekannten hinaus. Bei diesem Gang fallen einige Weltnummern an: Etwa das auf einer leiernden Orgelspur errichtete Run (I’m A Natural Disaster), auf dem Cee-Lo vor Energie jeden Moment zu bersten scheint, und bei dem seine Outkast-Affinität durchschimmert. Oder das protzig angefunkte Whatever, in dem er seine Vorliebe für dadaistisch angehauchte Texte auslebt.

Dem simplen Schmäh von Crazy kommt noch am ehesten Blind Mary nahe, das eine Jahrmarktsmelodie einführt, zu der Cee-Lo eher gelangweilt den Schunkelrefrain beisteuert: "I love Mary, blind Mary marry me!" Nett, aber eher zu vernachlässigen. Die große Kunst, wenn man das so nennen will, von Gnarls Barkley ist jedoch losgelöst von den Einzelergebnissen zu sehen.

Eruptive Quickies

Dem Gespann gelingt es beinahe durchgehend, mit oft nicht einmal die Dreiminutenmarke nehmenden Eruptionen lustvolle Quickies zu generieren:rein in die Festung, mit Vollgas den Turm des Burgfräuleins erklommen, Glück und Freude gespendet – und auf Wiederschauen!

Hier bestätigt sich jene Formel neu, die Little Richard im Song Tutti Frutti einst formulierte: "A-wop-bop-a-loo-lop-a-lop-bam-boo!" Hau drauf – und tschüss!

Seit der Steinzeit des Pop hat sich daran nichts geändert. So einfach gestrickt ist das Fach – und kann damit immer noch beträchtlich Wirkung erzielen. Ob das im Fall von Gnarls Barkley für ein drittes Mal auch noch reichen wird, interessiert im Moment nur die Futuristen. In der Gegenwart wird jedenfalls frohlockt. (Karl Fluch, DER STANDARD/Printausgabe, 03.04.2008)

  • Das Pop-Dream-Team Gnarls Barkley beglückt in jedem seiner Songs ein Burgfräulein. Oder zwei.
    foto: warner

    Das Pop-Dream-Team Gnarls Barkley beglückt in jedem seiner Songs ein Burgfräulein. Oder zwei.

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