Sechs Bawag-Männer und ein "Brandstifter"

2. April 2008, 19:52
52 Postings

Die Fragen, warum Investor Flöttl 1999 wieder alles auf den Yen setzte und warum die angeklagten Ex-Banker dies zuließen, beschäftigten das Gericht am Dienstag

Wien - Auch der 86. Tag im Bawag-Prozess gehörte dem Grazer Gutachter Fritz Kleiner, vermittelt quasi über Helmut Elsner, dessen Anwalt den Sachverständigen mit Fragen bis über beide Ohren eingedeckt hat. Trotzdem wurde der Dienstag, im Zuge der Fragenbeantwortung rund um die Investition "Hapenny" (im Herbst 1998 nach dem ersten Verlust borgte die Bawag Flöttl 250 Mio. Dollar für Yen-Investments) dann auch zum Tag des Wolfgang Flöttl.

"Kognitive Dissonanz"

Wie immer ging es zunächst um den Yen-Kurs. Zu Beginn der Verhandlung hatte Elsner (ihm war übel und zudem vermutete er beim Gutachter "kognitive Dissonanz: Das ist ein Zustand, in dem man weiß, dass man Dinge falsch darstellt, aber trotzdem dabei bleibt, weil man Recht behalten will") erklärt, warum der Yen 1999 nicht so sehr gesunken war, wie Flöttl und die Bawag es erhofft hatten: In der japanischen Notenbank seien damals "lauter Greise um die 90 gesessen, die ihren heiligen Yen nicht schwach sehen wollten, obwohl die Wirtschaft total am Boden lag". Das habe er jedenfalls in den Zeitungen damals so gelesen.

Was die "Vergreisten" (Elsner, 73) in Wien und bei Flöttl damit anrichteten und die unterschiedliche Wahrnehmung dazu, war dann stundenlang Thema - und gab dem Gutachter einmal mehr die Möglichkeit, das "Handelsverhalten Flöttls" darzustellen und zu erläutern.

"Alles auf eine Karte"

Am Beispiel "Hapenny" geht das übrigens deshalb so gut, weil alle Unterlagen für den Deal noch vorhanden sind. In ihrer ersten geheimen Vorstandssitzung am Nationalfeiertag 1998 hatte der Bawag-Vorstand (ohne Zustimmung Christian Büttners) beschlossen, den Verlust von 639 Mio Dollar durch weitere 250 Mio. Dollar an Flöttl (für eine Yen-Option) binnen 15 Monaten zurückzuverdienen. Die 250 Millionen waren laut Gutachter bereits bis Mitte Dezember fast zur Gänze investiert - und ziemlich unter Wasser.

Im Frühling 1999 schloss Flöttl daher alle Optionen ("Ich habe dem Vorstand gesagt, dass wir nicht erfolgreich waren, aber keine Zahlen genannt", so Föttl), nahm das restliche Hapenny-Geld und organisierte sich weitere 60 Millionen von der Bawag, um alles wieder auf den fallenden Yen, "auf eine Karte" zu setzen.

Anfang Mai 1999 zeichnete er um den Preis von 134 Mio. Dollar "die ganz große Option von 5,8 Mrd. Dollar und hoffte, damit den großen Erfolg zu machen", beschrieb Kleiner weiter; längst weiß man, dass der Erfolg ein Verlust wurde. Kleiner: "Flöttl hätte kleinere Brötchen backen und erkennen müssen, dass er auf dem falschen Dampfer sitzt". Flöttl verteidigte seine Hingabe an den fallenden Yen mit seinen ökonomischen Vor-Ort-Recherchen, er sei damals "sehr oft in Japan gewesen, wir haben uns von japanischen Ökonomen und Professoren beraten lassen - aber trotzdem hat's nicht funktioniert. Der Vorwurf, ich hätte früher aufhören müssen, ist richtig".

Die Banker freilich - und da stand es im Großen Schwurgerichtssaal: alle gegen Flöttl - hätten seine Strategie, alles auf eine Yen-Option zu setzen gekannt, "die Bawag wollte das Geld eben in 15 Monaten zurückverdienen."

Brandstifter und Blitzschlag

Bei der Fragerunde an die Angesprochenen wurde es dann sehr bildhaft. Aus den Verträgen mit der Bawag hätten sich für Flöttl keine Einschränkungen bei der Veranlagung des Geldes ergeben, meinte Richterin Claudia Bandion-Ornter, worauf Elsners Anwalt Wolfgang Schubert rhetorisch so fragte: "Glauben Sie, weil im Mietvertrag nicht drin steht, dass der Mieter das Haus nicht anzünden darf, dass das dann erlaubt ist?" Die Richterin blieb im Bild, wollte wissen, ob der Bawag-Vorstand "mit einem Mieter einen Mietvertrag abschließen würde, wenn dieser zuvor ein Haus in Brand gesetzt" habe. Der Vorstand habe das damals, beim ersten großen Verlust, so nicht gesehen, klärte Johann Zwettler auf, "Flöttl hat uns 1998 erklärt, dass das ein Blitzschlag war, ein einmaliges Weltereignis; es kam wie eine Keule über uns".

Über eine Risikostreuung hat der Vorstand vor der nächsten Geldspritze für Flöttl laut Zwettler "nicht nachgedacht". All das machte am Dienstag den Gutachter nachdenklich: "Es fällt auf, dass die Bawag all die Fragen, die man heute stellt, damals nicht gestellt hat." (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 2.4.2008)

Share if you care.