Wo jeder eine Rolle spielt

31. März 2008, 18:03
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Drei kurze Spielfilme bieten pointierte Bestandsaufnahmen familiärer Beziehungen, nicht teilbarer Gegenwart und ungelöster Vergangenheit

Es ist eine alltägliche Situation, die Erzähl mir was präsentiert: Vater und Tochter sitzen in der Küche und warten, bis das gemeinsam zubereitete Essen fertig ist. "Das dauert sicher noch", meint die Jugendliche, aber man könne sich das Warten ja damit verkürzen, dass jeder von seinem Tag erzähle. Doch wie Vater und Tochter größte Mühe haben, eine verlorengegangene oder nie existierende Beziehung zueinander aufzubauen, zeigt Konstantin Gutscher, indem er für die Dauer des Films den Raum nicht verlässt und das Kommen und Gehen als Nebeneinander inszeniert: Ein Schulheft wartet auf die väterliche Unterschrift, eine Mahlzeit ist für den Heimkommenden gerade noch warm genug. Erzähl mir was ist nicht nur eine präzise Studie über eine zum Ritual erstarrte Kommunikation, sondern auch über selbst auferlegte Rollen innerhalb familiärer Strukturen.

Wie gut sich das kurze Format für derartige Bestandsaufnahmen eignet, bewies Marie Kreutzer bereits 2001 mit ihrem mehrfach ausgezeichneten Cappy Leit, in dem sie ein Mädchen durch dessen Teenager-Alltag begleitete. Nun kehrt die Protagonistin in der hervorragenden Fortsetzung Punsch Noël zurück in die alte Heimatstadt: Es ist Weihnachten, und weil sie zu früh da ist, sitzt sie nun im Stiegenhaus und wartet auf den Vater. Weihnachten ist mit dem Zerfall der Familie als Fest längst abgesagt, und auch die Hoffnung auf ein Wiedersehen mit dem älteren Bruder scheint sich zunächst nicht zu erfüllen. Noch immer bestimmt das intime Verhältnis die Beziehung der Geschwister, doch wie die junge Frau selbst strahlt Punsch Noël etwas Gefasstes aus. Was in den Jahren dazwischen passiert ist, wird mit keinem Wort erwähnt, und dennoch sieht man, was das Leben aus den Menschen macht: verletzliche Gestalten.

Warum dies so ist, zeigt eine dritte Arbeit auf nicht minder eindringliche Weise: In Zeitfeld von Catalina Molina kehrt ebenfalls eine Frau zurück, doch in ihrem ehemaligen Heimatdorf wartet niemand auf sie. Sie hat die letzte familiäre Bindung verloren und muss das geerbte Grundstück verkaufen; was bleibt, ist ein nie ausgesprochener Vorfall aus der Kindheit. Als ob die Krähen, die zu Beginn durch die kalte Landschaft fliegen, es vorwegnehmen würden, brechen wiederholt traumatische Erinnerungsfetzen über die Besucherin herein. Die Vertrauten von damals sind zu Fremden geworden. Und wie in Erzähl mir was und Punsch Noël geht es auch hier am Ende um Selbsterkenntnis. Nur wer die anderen versteht, weiß über sich selbst Bescheid. (Michael Pekler, DER STANDARD/Printausgabe, 01.04.2008)

"Erzähl mir was" &"Zeitfeld":4.4., Geidorf1, 15.00;5.4., 15.00; "Punsch Noël": 3.4., Annenhof 8, 16.45.;6.4., 16.45
  • Weihnachten ist kein Familienfest mehr: "Punsch Noël" von Marie Kreutzer
    foto: diagonale

    Weihnachten ist kein Familienfest mehr: "Punsch Noël" von Marie Kreutzer

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