Zehn Radiomacher zur Lage

1. April 2008, 14:59
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Alfred Grinschgl, Georg Spatt, Christian Stögmüller, Christine Brugger, Rüdiger Landgraf, Josef Cap, Bernd Sebor, Fiona Steiner, Florian Novak, Thomas Madersbacher

Alfred Grinschgl - Der Frühstarter: Der Mann ist mitschuld, dass Privatradios hinter dem ORF liegen. Dabei überholte Grinschgls Antenne Steiermark die ORF-Radios als erster Privatsender 1995 aus dem Stand. Aber wegen eines juristischen Tricks drei Jahre vor den übrigen Sendern. So gewarnt, konnte der ORF Ö3 und die Regionalradios auf den flächendeckenden Start 1998 vorbereiten. Heute arbeitet Grinschgl als Manager der Medienbehörde an fairerem Wettbewerb der Privaten und fragt sich, ob Ö3 dem ORF gehören muss:

Ich würde gerne einmal überprüfen, worin der Unterschied zwischen Ö3 und der (privaten) Antenne Bayern liegt. Ein Traum, der mir als RTR-Geschäftsführer nicht zusteht.

Georg Spatt - Größter Privatsender: Er kennt beide Lager genau: 1989/90 arbeitete er für die Antenne Austria, die von Ungarn das ORF-Monopol brechen wollte. Danach versuchte er das mit Radio CD von Bratislava. 1994 bewarb er sich um eine private Radiolizenz. 1996 wechselte er zu Senderchef Bogdan Roscic zu Ö3. Die Antenne Steiermark hatte den ORF-Sender dort gerade überholt. Bevor die anderen Privaten starteten, half Spatt, Ö3 vorzubereiten. Ist Ö3, das er seit 2001 führt, nicht Österreichs größter Privatsender?

Massentauglich, erfolgreich und kommerziell vermarktet ist nicht automatisch privat. Uns verpflichtet der öffentliche Auftrag zu Qualität, Information, Vielfalt in der Kultur.

Christian Stögmüller - Marathonmann: Er ist einziger seit 1998 noch amtierender Geschäftsführer eines Privatradios - seines Wissens. Inzwischen meldete sich Stephan Prähauser (u.a. Welle Salzburg) und erinnerte Stögmüller und uns, dass auch er seit 1998 amtiert. Aber zurück zu Stögmüller: Life Radio in Oberösterreich zählt aber auch zu den relativ früh auch kommerziell erfolgreichen Sendern. Christian Stögmüller ist längst auch Chef des Verbandes der Privatfunker, kurz VÖP. Was lief beim Start von Privatradio schief?

Die Erwartungshaltung vieler Macher war 1998 einfach riesig – und wurde oft enttäuscht. Der Monopolist hatte aufgerüstet, bis an die Zähne bewaffnet, dem konnten viele lange Zeit nicht wirklich etwas entgegensetzen. Anstatt aber der eigenen Linie treu zu bleiben, gab es kurzfristige Anpassungen, Änderungen und Änderungen der Änderungen.

Christine Brugger - Lokale Hörerbindung: Respektable 22 Prozent Reichweite in Osttirol, da wundert die Eigendefinition „erfolgreichstes Lokalradio“ nicht. Christine Brugger begann 1999 als Projektleiterin des nicht kommerziellen Senders freequenns in der Steiermark und führt seit 2001 Radio Osttirol. Sie meint, nicht nur in einem so abgegrenzten Raum kann Lokalradio funktionieren:

Wir sind eine Kommunikationsplattform. Im Vordergrund steht lokale Information siebenmal täglich und eine halbe Stunde mittags. Spartensendungen für Kultur, Sport, Freizeitmit Hörerinnen und Hörern. Lokale Initiativen präsentieren wir unentgeltlich. Keine Mehrwertnummern, auch beimWunschkonzert.

Rüdiger Landgraf - Privat mit "Krone": Radio Hotzenplotz (1991–93 in Wien) war wohl das einzige nicht antikapitalistische Piratenradio. Landgraf hatte also auch keine Probleme, 1995 beim Merkur-Einkaufsradio Max zu lernen. Ab 1998 bei Wiens damals erfolgreichstem Sender 88.6; 2001 wechselt er mit der Krone zu Kronehit. Dort ist er heute Programmchef. Seine Abschlussarbeit für Medienmanagement analysiert digitalen Rundfunk. Die Zukunft?

Liegt vorerst –mit 20 Millionen Empfängern – imanalogen UKW-Radio. Dazu Streaming, Podcasts, Social Networks im Netz. Digitalradio wie DAB ist sehr unwahrscheinlich – bringt ein bis zwei Jahrzehnte keine positiven Cashflows.

Josef Cap - Der Küniglberger: Der Marathonmann der SPÖ – insbesondere als Mediensprecher – steht für jene Partei, die sich am beharrlichsten gegen privates Radio und Fernsehen sperrte. Die SPÖ, und insbesondere Josef Cap, widmen sich vornehmlich der Pflege des – politisch über den Stiftungsrat und seine Besetzung kontrollierbaren – ORF (und dann der Krone). Dass die ORFStrategie in den Neunzigern mit regionalem Privatradio auch den regionalen Verlegern entgegenkam, die jeweils ihr eigenes Radio bekamen, fügte sich gut. Echte Konkurrenz für den ORF und Ö3 wurde so erschwert. Cap fand auch dafür ein positiv klingendes Motto:

Lasst tausend Blumen blühen.

Bernd Sebor - Der Musiksender: Der Beatlemaniac führte als Programmchef die Antenne Steiermark 1995 zum Erfolg, 1998 88.6 in Wien. Bei Kronehit 2001 wurde sein Kurs der Mediaprint zu kostspielig. Heute Programmchef der Antenne Wien, mit der die Fellner-Brüder 1998 floppten: gewaltiger Marketingaufwand, eher unperfektes Programm. Die Fellners überließen erst anderen das Radio, übernahmen aber inzwischen Antenne Salzburg, Wien, Tirol und Oberösterreich. Fellner will sich zu Radio nicht äußern. Sebor macht die Antenne wie 88.6 zum „Musiksender“, nun „für Erwachsene“:

Privatradio ist besser als sein Ruf. Aber die Branche investiert zu wenig, etwa in Mitarbeiter.

Fiona Steiner - Frühe Freie: Sie kam über eine Sendung der Theaterwissenschaften zum Piratenradio und blieb hängen. Schrieb an Lizenzanträgen mit, kämpfte mit Beschwerden gegen die Lizenz – und konnte mit Radio Orange 94.0 am 17. August 1998 auf Sendung gehen. Steiner war Obfrau des Trägervereins von Orange, eines nichtkommerziellen freien Radios, von denen es heute laut deren Verband 15 gibt. Steiner leitet inzwischen die Administration des Boltzmann-Instituts für Menschenrechte in Wien.

Migrantinnen und Migranten im Radio gibt es sonst nirgendwo. Daran lässt sich beispielhaft der Sinn festmachen – auch der vielen Arbeit, die freies Radio bedeutet.

Florian Novak - Zehn Jahre mit Lizenz: Zehn Jahre mühte sich Florian Novak um eine eigene Radiolizenz, lange erfolglos. Im Frühjahr 2008 startet sein Lounge FM über UKW in Oberösterreich. Beim Radiostart 1998 war er Kleingesellschafter von Radio NRJ in Wien: Damals hatte die Lizenzbehörde Bewerber gedrängt, sich zusammenzuschließen. Die Anteile hat Novak inzwischen verkauft, er betreibt seit 2005 sein Lounge FM - über Web und UMTS.

Nach dem ORF hat das Radio sein Monopol eingebüßt – auf mobile Unterhaltung und aktuelle Information unterwegs. Handy, Navi und iPod sind schnell zur Hand, Handy auch für Radio. Und in den USA nutzen 20 Prozent den PC zum Empfang.

Thomas Madersbacher - Lieber Fernsehen: Machte schon 1990 Piratenradio, wurde später Obmann des Vereins von rund 40 illegalen Stationen. Versuchte legales Radio auf 92.9, das aufgrund des Behördendrucks zum Zusammenschluss mit mehr Gesellschaftern als Hörern startete. Nicht kommerzielles Fernsehen TIV, dann bewirbt er sich mit dem Wirtschaftsblatt um Business-TV für Wien. Ihm gehört heute der Musiksender gotv, das kommerziell erfolgreichste österreichische Privatfernsehen. Sagt dennoch gut gemachtem Radio „viele Jahrzehnte“ voraus:

Ein Medium, das perfekt erzählen, unterhalten und informieren kann, ohne ständig die volle Aufmerksamkeit zu verlangen.

(DER STANDARD; Printausgabe, 29./30.3.2008)

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