Rebellion gegen die Bedrängnis

4. April 2008, 13:23
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Ein Band über die österreichische Lyrik des Exils und Widerstands erschließt das Vokabular des menschlichen Miteinanders

Das Erscheinen dieses Bands ist zweifellos ein ganz wichtiges Ereignis in der österreichischen und deutschsprachigen Literatur – eine wirklich repräsentative Auswahl der österreichischen Lyrik des Exils und des Widerstands. Auch wenn diese Texte in der großen Mehrheit bereits in den 30er-, 40er- und 50er-Jahren des vorigen Jahrhunderts erschienen sind, sind sie in dieser Zusammenstellung ganz und gar neu. Natürlich kennen wir "große" Namen wie Broch, Celan, Soyfer oder Werfel –, aber auch ihre Texte gewinnen in diesem Ensemble von 278 (!) Autor/innen mit über 500 Gedichten dadurch einen neuen Stellenwert, dass sie ihrer Kanonizität und ihrer teilweisen Verklassikerung entrissen und ganz unmittelbar in den Kontext des Kampfes gegen die Unmenschlichkeit gestellt werden.

Verwundert reibt man sich die Augen ob der unglaublichen Vielfältigkeit dieser Sammlung. Bei vielen Autor/innen ist man erstaunt, dass auch sie Gedichte geschrieben haben, bei anderen fragt man sich, warum man noch nie von ihnen gehört hat, bei wieder anderen fühlt man sich provoziert durch Töne und Bilder, die man so in dieser Lyrik nicht erwartet hätte und die einem erst nach genauerer, nachhaltigerer, langsamerer Lektüre gerade in ihrer getarnten Indirektheit als widerständig verständlich werden.

Denn dieses umfangreiche und großzügig gestaltete Buch, das den in ihm enthaltenen Gedichten und damit auch der Leseerfahrung viel Platz gibt – ganz im Gegenteil zur realen Situation vieler ihrer Autor/innen, die oft zusammengepfercht mit vielen anderen leben mussten –, ist nicht für eine einmalige Sitzung gedacht, sondern fürs Sich-Entwickeln, für das langsame Verständnis des Exils, das, in Worten Frederic Mortons, der in der Einführung zitiert wird, "im Begriff ist, unser aller Erbe zu werden". Lieferte das vor acht Jahren erschienene, nicht minder zentrale Lexikon der österreichischen Exilliteratur von Siglinde Bolbecher und Konstantin Kaiser eine enzyklopädische Grundlage, so bringt diese Sammlung der österreichischen Exillyrik nun, wieder mit Morton, "das Exil zum Sprechen".

Begleiter unserer Zeit

Dabei verleihen die kurzen biografischen Einträge, mit denen die Autor/innen vorgestellt werden, dem Band eine besondere Stimmung. Im Unterschied zum Lexikon wird hier weitgehend auf Verben verzichtet. Staccatohaft geben diese Darstellungen Informationen über diskontinuierliche Lebensläufe, die gerade in ihrer extremen Kürze und ihrer faktischen Sprache auf die Brüche und Löcher in diesen Leben deuten. Welche Vielfalt an Berufen sich hier findet! Welche langen Listen von Ortsnamen auf dem gesamten Globus, von Czernowitz nach Graz, von Kalifornien nach China – Hinweise auf Wanderungen, die oft schon lange vor Flucht und Vertreibung begannen! Allein schon die Anordnung der Autor/innen im Format des großen demokratisierenden Gleichmachers, des Alphabets, hat einen besonderen Effekt, da sie aktivistische Arbeiter ganz zufällig neben Universitätslehrer, die "innere Emigration" neben den in der KZ-Todeszelle Sitzenden stellt. Sie alle eint die Entscheidung für ein Genre: die Lyrik, das Gedicht. Nicht nur ermöglicht es – zumindest seit der Romantik – die Rebellion des Individuums gegen kollektive Bedrängnis, die oft radikalste Stimme des Widerstands des isolierten Menschen. Auch ganz praktische Gründe sprechen für die Gattung – etwa die Möglichkeit, Gedichte auf kleinem Raum aufzuzeichnen und aus dem Gefängnis herauszuschmuggeln, sie auswendig zu lernen und damit unzerstörbar zu machen, auf sie zu rekurrieren, wenn keine Möglichkeit zur Lektüre besteht.

Es ist ein größeres Österreich, das hier vertreten ist, ein Mitteleuropa im Sinne von Karl-Markus Gauß, wobei Autor/innen aus der Bukowina und ganz besonders Czernowitz – nicht überraschend! – besonders stark repräsentiert sind. Einige von ihnen haben das österreichische Staatsgebiet nach dem Zerfall der Monarchie gar nie betreten und gehören trotzdem ganz eindeutig "dazu" – und sei es nur, weil sie sich in ihren Gedichten dieselben Fragen stellen wie ihre Kolleg/innen aus dem kleineren Österreich – ohne immer identische Antworten zu geben. Dieser Band macht Lust auf Lyrik, auf eine Lyrik, die uns fremd-eigene Welten und ein neues Vokabular für menschliches Miteinander erschließt. Hintereinander gelesen gibt jedes einzelne Gedicht Fragen auf, deren vorläufige Antworten von den nachfolgenden relativiert, modifiziert oder erweitert werden. Spannender kann Lektüre nicht sein. Das Buch ist ein Begleiter für unsere Zeit. (Walter Grünzweig, ALBUM/DER STANDARD, 29./30.03.2008)

Miguel Herz-Kestranek, Konstantin Kaiser, Daniela Strigl (Hgg.), "In welcher Sprache träumen Sie? Österreichische Lyrik des Exils und des Widerstands". € 30,00/567 Seiten. Theodor Kramer Gesellschaft, Wien 2007.

Hinweis: Dienstag, den 1. April, um 19 Uhr wird der besprochene Band in der Österreichischen Nationalbibliothek, Josefsplatz 1, 1010 Wien samt einem Gespräch mit den Herausgebern vorgestellt. Der Eintritt ist frei.
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