He Djane! Play the Gameboy!

8. April 2008, 10:42
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Ihr alter Gameboy liegt ungenutzt in der Ecke, Super Mario hat nichts zu tun? Dann ziehen Sie doch andere Saiten auf: Die Spielkonsole ist heute ein perfektes Musikinstrument

Es ist eine ungewöhnliche Jam-Session, die derzeit Begeisterungsstürme bei YouTube hervorruft. Mehr als zweieinhalb Millionen Mal klickten dort Nutzer einen Film an, der zeigt, wie eine Gruppe namens "iBand" den Gameboynachfolger Nintendo DS und zwei iPhones zum Klingen bringt. Zu sehen sind nur drei Paar Hände und die Gadgets. Auf der Spielkonsole läuft das Programm "Electroplankton", ein Set von Mini-Synthesizern, die per DS-Stift bedient werden, während die iPhones mittels spezieller Software Klavierklänge und Drums beisteuern.

Rhythmusspender

Eigentlich nur ein paar elektronische Klänge, nicht sonderlich ausgefeilt, mit dem Nintendo als Rhythmusspender. Doch die meisten der bislang 14.000 Einträge zum Video bejubeln den digitalen Gig. Hinter "iBand" verstecken sich drei Wiener Studenten Mitte 20: Marina, Seb und Roger. Ihnen ging es nicht um "den technisch ausgefeilten Sound", teilten sie dem Standard mit. "Uns reizte, die Grenzen des Möglichen auszutesten, sowohl technisch als auch musikalisch."

Kompositionen, die mit den Handhelds von Nintendo oder anderen Spielkonsolen erzeugt werden, heißen Chiptunes-Musik, und Wien ist eine ihrer Hochburgen. Im Club "rhiz" trifft sich einmal im Monat der von Wolfgang Kopper gegründete Gameboy Music Club. "Die Szene ist gar nicht so klein", sagt Kopper, "weltweit kommt man locker auf ein paar Tausend Leute." Ein Doku-Film wird am 11. April im Wiener Subotron einen Einblick in die Szene geben. Weshalb Kopper das Retro-Spielzeug so wichtig ist? "Jeder kann damit Musik machen, auch ohne klassische Musikausbildung. Man hat sofort Erfolgserlebnisse!" Ein durch und durch demokratisches Instrument also. Wobei Instrument eigentlich das falsche Wort ist - ersetzt der Gameboy doch gleich ein paar von ihnen.

Szene

Dass es die verspielte Szene überhaupt geben kann, ist zum großen Teil dem Hamburger Oliver Wittchow zu verdanken. 1997 bastelte der damalige Kunststudent an der Konsole herum, stöpselte sie an die Stereoanlage an und war vom satten Sound des Gameboys begeistert. Flugs schrieb er eine E-Mail an den Hersteller Nintendo, doch bitte ein Musikprogramm für die Spielkonsole zu entwickeln. Seine Bitte blieb unbeantwortet.

Wenig später knackten Hacker das System des Gameboy und ermöglichten es, die Konsole mit selbstgeschriebenen Programmen zu bestücken. Wittchow brachte sich die Programmiersprache Basic bei, war sich sicher: "Mit dem Gameboy Musik zu machen, ist ein großes Ding!" Bestätigt wurde er, als er das erste Mal in Köln auftrat und das Publikum "völlig ausflippte". Inzwischen gibt es sein Programm Nanoloop in Version 2.2. Obwohl es ein Hackerprodukt ist, toleriert Nintendo Nanoloop und ähnliche Software.

Die Bedienung der Software ist ungewöhnlich, aber nicht kompliziert. 16 grüne Quadrate blinken auf, sobald man die Diskette in den Gameboy schiebt. Jedes Quadrat steht für eine Sechszehntelnote, die der Gameboy in einer Endlosschleife nacheinander abspielt. Währenddessen lassen sich Tonhöhe, -länge und -lautstärke verändern - mit Drücken von Steuerkreuz, der A- und der B-Taste. Ein erster Takt entsteht, weitere können auf bis zu acht Spuren gleichzeitig abgespielt werden. So wird aus dem alten Gadget ein Instrument, das zischt, piept und knarzt, tönt wie ein Synthesizer oder ein Xylofon.

8bitpeoples

Zwar beherrschen Elektrosoundfrickler wie 8bitpeoples aus New York oder Felix Kubin aus Hamburg die Szene, doch auch Großmäuler der Popmusik waren sich nicht zu schade für die Konsolen-Klänge. Rapper 50 Cent griff in seinem Song "Ayo Technology" genauso auf Chiptunes-Samples zurück wie Beck in Songs wie "Girl" oder "Qué Onda Guero". Aus dem Underground-Trend, sagt Wittchow, könnte Mainstream werden: "Die Gameboy-Musik steht an der Grenze zur Popmusik." Diese überschreitet eindrucksvoll DJ Scotch Egg, zu sehen wiederum auf YouTube. Sein Stück "Scotch Bach", eine witzig-wilde Orchester-Interpretation von Bachs "Toccata und Fuge d-Moll", adelte die britische BBC mit einem dicken Lob: "Der beste Krach des 21. Jahrhunderts." (Mareike Müller, DER STANDARD Printausgabe Rondo)

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