"Es ist eine Art Fremdschämen"

5. Mai 2008, 14:02
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Eine Amsterdamer Künstlergruppe sagt "Sorry" für islamkritischen Wilders-Film - Initiator Velthoven erklärt im Gespräch mit derStandard.at, warum

355 Mal „I am Sorry!“: Die Internet-Videoplattform YouTube zeichnet dieser Tage ein bizarres Bild der Niederlande. Am Tag der Veröffentlichung des Films „Fitna“ im Internet, in dem Geert Wilders, Chef der rechtspopulistischen Freiheitspartei, seine Gedanken zum Islam im Allgemeinen und zum Koran im Besonderen auf die Leinwand bringt, präsentiert sich das Land zwischen Polder und Wattenmeer so gespalten wie selten zuvor.

Während Ministerpräsident Jan Peter Balkenende vergebens das Gespräch mit dem Neo-Filmemacher gesucht und stattdessen seine EU-Amtskollegen vor möglichen Folgen gewarnt hatte, stellt sich die Amsterdamer Künstlergruppe Mediamatic an die Spitze des prophylaktischen Widerstands gegen die bisher kaum bekannten Inhalte des Films. Willem Velthoven, Gründer von Mediamatic, sagt „sorry“.

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derStandard.at: Warum entschuldigen Sie sich dafür, wenn ein Politiker einen Film macht?

Velthoven: Es geht nicht um irgendeinen Politiker, sondern um einen Populisten und Rassisten, dessen Programm wir sehr gut kennen. Er ist ein unattraktiver Holländer, der uns aber nach Außen vertritt. Was wir fühlen ist eine Art von Fremdschämen.

derStandard.at: In den Niederlanden herrscht Meinungsfreiheit. Sollte man „Fitna“ Ihrer Ansicht nach verbieten?

Velthoven: Nein, man darf den Film auf keinen Fall verbieten. Wilders soll seine Meinung natürlich frei äußern können, aber wir müssen damit auch nicht einverstanden sein. Dass der Film gezeigt wird, ist schon deshalb so wichtig, damit sich Wilders nicht in der Rolle des zensierten Opfers inszenieren kann. Dass er keinen TV-Sender findet, der „Fitna“ ausstrahlen will, hat damit zu tun, dass niemand einen Film zeigen kann, dessen Inhalt vorher nicht bekannt ist.

derStandard.at: Die Aktion erinnert an die „Sorry“-Kampagne US-amerikanischer Internetuser nach der Wiederwahl von George W. Bush. Das öffentliche Interesse war damals schnell versiegt. Was soll Ihre „Sorry“-Aktion überhaupt bringen?

Velthoven: Die Idee mit den Videos auf YouTube kam uns beim Mittagessen am Montag letzter Woche. Wir hielten das für eine gute Art, mit der Debatte umzugehen. Und weil wir einige Journalisten auf unseren E-Mail-Verteilern haben, hat sich das schnell herumgesprochen und große niederländische Medien haben die Aktion quasi mitgelauncht. Am Dienstag hatten wir dann schon 100 Beiträge, bei einer Anti-Rassismus-Demonstration in Amsterdam, wo wir mit einer kleinen Kamera mitgelaufen sind, haben weitere 150 Menschen „sorry“ gesagt. Und es werden ständig mehr.

derStandard.at: Gibt man Geert Wilders durch all die Vorberichterstattung nicht viel mehr öffentliche Aufmerksamkeit, als dem Film gebührt?

Velthoven: Doch, auf jeden Fall. Darum weigern wir uns auch, Wilders und seinen Film so ernst zu nehmen und entschuldigen uns auf doch relativ blöde Weise für ihn.

derStandard.at: Auf Ihrer Website findet sich ein Link zum islamkritischen Film „Submission“ des von einem Islamisten ermordeten Filmemachers Theo van Gogh. Wird man schon bald auch "Fitna" dort finden?

Velthoven: Wenn es sein muss, ja. Falls Wilders seinen Film nirgends anders zeigen kann, kann er das gerne bei uns tun. (flon/derStandard.at/27.3.2008)

  • Zur Person: Der studierte Kunsthistoriker und Kommunikationswissenschafter Willem Velthoven gründete 1983 während seines Studiums in Groningen die Medienkunstgruppe Mediamatic Lab, heute lebt und arbeitet er in Amsterdam. Von 1999 bis 2004 lehrte Velthoven an der Universität der Künste in Berlin.
    foto: mediamatic.net/rebecca gomperts

    Zur Person: Der studierte Kunsthistoriker und Kommunikationswissenschafter Willem Velthoven gründete 1983 während seines Studiums in Groningen die Medienkunstgruppe Mediamatic Lab, heute lebt und arbeitet er in Amsterdam. Von 1999 bis 2004 lehrte Velthoven an der Universität der Künste in Berlin.

  • "I am Sorry!"
    foto: youtube

    "I am Sorry!"

  • "Sorry!"
    foto: youtube

    "Sorry!"

  • "So sorry!"
    foto: youtube

    "So sorry!"

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