Das Phantom des Ostens

14. April 2008, 15:01
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Nach achteinhalb Monaten hat eine transsylvanische Karosse namens Dacia Logan MCV tatsächlich den Weg nach Wien gefunden

Wien - Jetzt steht es tatsächlich vor der Haustür, das Phantom des Ostens. Dieses obskure Objekt meiner - freilich sehr rational begründeten - Begierde namens Dacia Logan MCV. Sieben Sitze, 86-PS-Diesel, Verbrauch so um die sechs Liter. 17.000 Euro für das "Luxusmodell" inklusive aller verfügbaren Extras. Mehr kann man für dieses Auto nicht ausgeben. Kulturschock löst er keinen aus, der französische Rumäne. Höchstens so etwas wie ein Gefühl der Exklusivität, was bei einem Bil-ligauto einigermaßen erstaunt, sich aber aus den Umständen erklärt.

So ähnlich muss sich mein Wahlonkel gefühlt haben, als er Mitte der 1950er-Jahre seinen ersten Tatraplan in Empfang nahm. Bewundernde, neidvolle, teils auch skeptische Blicke der Nachbarn, Staunen bei der Dorfjugend - und grenzenloser Stolz meinerseits, der ich Knirps als Einziger mitfahren durfte.

Viel Platz

Tatra T600 Tatraplan hieß das Prachtstück mit vollem Namen, in Anspielung auf die aerodynamische Karosserie. Ein Beispiel jener böhmischen Ingenieurskunst, der auch der Kommunismus nichts anhaben konnte. Luftgekühlter Vierzylinder-Boxermotor im Heck, zwei Liter Hubraum, 52 PS, Höchstgeschwindigkeit 130 km/h. Es gab auch eine Achtzylinderversion.

Der Innenraum war - verglichen mit dem VW Käfer, der auf demselben Konstruktionsprinzip beruhte - vergleichsweise riesig: sechs Sitzplätze, drei vorne, drei hinten, üppige Beinfreiheit im Heck. Dafür aber wenig Gepäcksraum. Der vordere war mit zwei Reserverädern schon fast gefüllt, der hintere über dem Motor umständlich zu erreichen. Aber das spielte in jenen Zeiten, als man sich längere Urlaubsreisen noch nicht leisten konnte, kaum eine Rolle.

Der Tatraplan war ein Prestigeobjekt der tschechoslowakischen Kommunisten, die 1948 die Macht ergriffen hatten, und er sollte zugleich als Devisenbeschaffer dienen. Dabei war er allerdings nur mäßig erfolgreich. Von den insgesamt 6342 produzierten Exemplaren wurden relativ wenige exportiert, davon die meisten, nämlich 435, nach Österreich. 1952 wurde die Produktion eingestellt. Nachfolgemodelle dienten bis zur Wende 1989 hauptsächlich als Funktionärskarossen.

Späte Genugtuung

Da hatte sich das Bauprinzip des Tatraplan (Heckmotor) längst überlebt. Aber was den Motor an sich betrifft, können sich die tschechischen Konstrukteure inzwischen rehabilitiert fühlen. Im letzten Produktionsjahr des Tatraplan testeten sie eine Dieselversion des Boxermotors. 55 Jahre später ist die japanische Marke Subaru mit dem ersten Diesel-Boxer auf den Markt gekommen.

In der Tschechoslowakei ging die Tatra zugedachte Rolle an Skoda über. Der spröde Charme des Felicia Cabrios (1959) etwa zeugt von der ungebrochenen Kreativität der tschechischen Autobauer. Inzwischen ist Skoda eine sehr erfolgreiche VW-Tochter. Und der französische Renault-Konzern, der beim Verkauf von Skoda nicht zum Zug kam (damals drohten die tschechischen Arbeiter mit Streik), setzt nun ganz stark auf die Ostschiene. Die Beteiligung am russischen Produzenten Awtowas (siehe Wissen) soll an den Erfolg des Logan von der rumänischen Tochter Dacia anknüpfen. Der hat bei der Pariser Jugend inzwischen Kultstatus.

Das beeinflusste zwar nicht meine Kaufentscheidung, verlängerte aber vermutlich die Wartezeit. Die Schwäche für automobile Exoten östlicher Provenienz, die wohl auf die Kindheitsbegegnung mit dem Tatraplan zurückgeht, wurde auf eine harte Probe gestellt. Mit vier bis fünf Monaten Lieferzeit hatten wir gerechnet. Es wurde doppelt so viel. Warum, konnte uns niemand so recht erklären. "Enorme Nachfrage" musste als Begründung reichen. Vielleicht eine geniale Marketingstrategie, um dem Billigberger die Aura des Besonderen zu verleihen.

Phantom des Ostens

Aus einem Objekt der teils vernunft-, teils gefühlsgesteuerten Begierde wurde das Phantom des Ostens. Nach achteinhalb Monaten hat es sich materialisiert. Und das legt nun paradoxerweise den Gedanken einer Frühgeburt nahe. Die ersten Erfahrungen lassen an der Lebensfähigkeit freilich keine Zweifel aufkommen. Das Weitere wird sich weisen.

Fünf Siebentel des Außenpolitik-Ressorts des Standard und zwei Gäste beim Testausflug mit dem Dacia Logan MCV, der aus den Schluchten Transsylvaniens doch noch den Weg nach Österreich fand. (Josef Kirchengast, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.3.2008)

  • Erinnerungen an den automobilen Charme des Ostens.
    foto: wikimedia

    Erinnerungen an den automobilen Charme des Ostens.

  • Westliche Konzerne wie Renault steigen inzwischen groß in den russischen Automarkt ein.
    foto: wikimedia

    Westliche Konzerne wie Renault steigen inzwischen groß in den russischen Automarkt ein.

  • Fünf Siebentel des Außenpolitik-Ressorts des Standard und zwei Gäste beim Testausflug mit dem Dacia Logan MCV, der aus den Schluchten Transsylvaniens doch noch den Weg nach Österreich fand.
    foto: kirchengast

    Fünf Siebentel des Außenpolitik-Ressorts des Standard und zwei Gäste beim Testausflug mit dem Dacia Logan MCV, der aus den Schluchten Transsylvaniens doch noch den Weg nach Österreich fand.

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