Spezis, Spin-Doktoren, Souffleure: Wem die Parteichefs ihr Ohr leihen

29. März 2008, 18:00
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Hochsaison für die Berater von Gusenbauer und Molterer

Konfrontation oder Kuschelkurs? Neuwahlen oder Weiterwursteln? Selbst die mitunter als dickköpfig verschrienen Parteichefs Alfred Gusenbauer und Wilhelm Molterer treffen wichtige strategische Entscheidungen nicht allein im stillen Kämmerchen. Beide vertrauen einer Clique langjähriger Freunde - und ziehen Experten bei, die für sie ins Volk hineinhören.

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Wien - War er wirklich da? Oder nur ein Doppelgänger? "Also ich hab ihn seit den Wahlen nicht mehr gesehen", reagiert SPÖ-Bundesgeschäftsführer Joe Kalina etwas genervt: "Das geht auch niemanden etwas an."

Die Rede ist von Starberater Stanley Greenberg, der unlängst in Wien gesichtet worden sein soll. Seit fast zehn Jahren unterstützen Bill Clintons ehemaliger Spin-Doktor und sein Team die SPÖ. Besonders intensiv, wenn Wahlen vor der Tür stehen, weshalb Greenbergs angeblicher Besuch natürlich Anlass für Spekulationen gibt.

Nicht alle Einflüsterer des Kanzlers umgibt eine so glamouröse Aura. Im politischen Alltag hört Alfred Gusenbauer auf eine Handvoll Veteranen, von denen viele dem interessierten Publikum ähnlich lange bekannt sind wie dem Parteichef selbst. Kalina, Klubobmann Josef Cap und Frauenministerin Doris Bures sind Vertraute seit Jugendjahren, ein offenes Ohr finden auch Verteidigungsminister Norbert Darabos, Klubdirektor Johannes Schnizer, Pressesprecher Stefan Pöttler sowie Regierungskoordinator und Verkehrsminister Werner Faymann. In diesem Zirkel fiel der Entschluss für Gusenbauers neue Angriffsstrategie. Dem Vernehmen nach auf Drängen von Cap und Kalina, während Bures und Faymann gebremst haben sollen.

SPÖler aus der zweiten Reihe beklagen den schwierigen Zugang zur Clique - und die unzureichend ausgewogene Zusammensetzung: "Da gibt es Taktiker und Trickser, aber keine Verführer. Also tut sich Gusenbauer schwer, die Leute zu begeistern."

Ähnlich beständig die Führungscrew der ÖVP. Relativ neu sind Umweltminister und Perspektiven-Tüftler Josef Pröll sowie Generalsekretär Hannes Missethon, dessen Parteizentrale, die intern als Schwachstelle gilt, seit kurzem von Ex-vizekanzlersprecher Nikola Donig verstärkt wird. Ansonsten führen mit Wilhelm Molterer, Wolfgang Schüssel und Ursula Plassnik die selben Figuren wie seit Jahren das Wort, nur dass Molterer nun der Chef und Schüssel der Berater ist. Zumindest offiziell.

Um nicht ins Blaue zu diskutieren, suchen kluge Politiker auch wissenschaftlichen Rat. Von Meinungsforschern lassen sie sich erklären, wie das Volk (vermutlich) tickt. Die Demoskopen fragen nicht nur die Sympathiewerte der Parteien ab, sondern arbeiten gesellschaftliche Veränderungen heraus und testen in Umfragen und "Fokus"-Gruppen - nach Zielgruppen zusammengestellte Diskussionrunden - ab, wie bestimmte Botschaften ankommen. Während Molterer auch an diese Fragen eher nüchtern herangeht, "hatte Schüssel eine spielerische Ader", wie Berater Peter Ulram vom GfK-Institut erzählt: "Er hat oft selbst Ideen mitgebracht, etwa von USA-Reisen."

Ohne amerikanisches Know-How kommt also auch die ÖVP nicht aus; im Herbst war mit Sarah Simmons eine Strategin des republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain zu Gast. Genauer blicken aber die Sozialdemokraten nach Übersee. An Greenberg und seinen Kollegen aus den USA und Israel lernten sie nicht nur die Fähigkeit schätzen, Stimmungen mit präzisen Umfragen herauszufiltern. Die aggressive "Counterpunch"-Strategie der siegreichen Kampagne 2006 hält der Politikberater Thomas Hofer für mehr oder weniger von früheren Wahlkämpfen Bill Clintons abgekupfert. Selbst wenn nicht alle US-Patentrezepte ("Taxes down") übernommen wurden und die austro-amerikanische Kooperation nicht ohne Eifersüchteleien abging.

Die "völlig unvoreingenommene Sichtweise" der Amerikaner in einem Land "wo jeder jeden kennt", sieht Imma Palme, Leiterin des Ifes-Instituts, als Trumpf. Neben Günther Ogris von Sora ist Palme jene Meinungsforscherin, die den Sozialdemokraten auch abseits der Wahlkämpfe soziologisches Unterfutter liefert. Mit ihrem schwarzen Pendant Ulram teilt sie nicht nur den Hang zum Understatement (siehe Porträts). Beide raten "ihren" Parteien derzeit auch nicht zu Neuwahlen. Weil das Risiko, zu verlieren, hoch sei. Und weil man einen echten Anlass brauche, um die Bürger zu den Urnen zu zwingen.

Also Entwarnung? "Es ist ein Irrglaube, dass Politiker aufgrund von Meinungsumfragen entscheiden", dementiert Ulram eilig. Nur selten funktioniere die ÖVP nach diesem simplen Strickmuster. Etwa als sie einen geplanten Besuch des deutschen Kanzlers Gerhard Schröder bei der SPÖ mit einer kleinen, aber gemeinen Inseratenkampage - der Gast mit fetter Zigarre - hintertrieb. Denn: "Unsere Umfragen haben zuvor ergeben, dass Schröder all das repräsentiere, was Österreicher an Deutschen hassen." Die viel wichtigere Entscheidung für die Pensionsreform zog die schwarze Spitze hingegen durch, ohne die zu erwartende Reaktion der Leute abzutesten. Was sich dann auch in ungedämpften Protesten niederschlug.

"Der große Masterplan ist eine Illusion", sagt der Routinier Ulram: "Strategien passieren, oft aus der Not heraus. Je längerfristig angelegt, desto eher scheitern sie." Als abschreckendes Beispiel nennt er die Steuer-Offensive Gusenbauers, die gleich bei den ersten Wahlen - in Niederösterreich - ins Leere gelaufen sei. Am ehesten habe noch Jörg Haider mit seiner FPÖ bei seinem Aufstieg in den Neunzigern eine Strategie durchgehalten. Weil eine straff geführte Oppositionspartei kaum durch Sachzwänge und Lobbys behindert werde und "Haider nie selbst geglaubt hat, was er gesagt hat".

Nicht alle Politiker agieren so unbelastet. So wie Schüssel davon überzeugt war, die Leute müssten die Notwendigkeit seiner Pensionsreform einfach einsehen, glaubte sein Vorvorgänger Alois Mock, ein Teil der Arbeiterschaft habe in der ÖVP ihre "natürliche Heimat" - und jagte vergeblich der sozialdemokratischen Mehrheit hinterher. "Das Schlimmste ist", sagt Ulram, "wenn Politiker ihre eigene Propaganda glauben". (Gerald John/DER STANDARD, Printausgabe, 19.3.2008)

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