Koalitionsseppln und Zeitungshansln

23. April 2008, 12:23
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Kann eine "Koalition am Abstellgleis" einen "Journalismus mit Inhalt" ausbremsen? - Kommentar der anderen von Christian Schwarzenegger

Michael Völker hat in seinem Kommentar "Die zwei Seppln von der Koalition" vom 11. März einen - vordergründig - unschuldigen Satz verpackt: "Auch die Medien", schreibt Völker, "würden sich gerne Inhalten widmen." Stattdessen seien sie aber mit oftmals bis zur Gehässigkeit zankenden Politikern konfrontiert, die täglich an der Eskalationsspirale drehten. Vorwürfe von Bundeskanzler Gusenbauer, die Medien allein würden eine "Hysterisierung" betreiben, werden von Völker, zu Recht, zurückgewiesen - so leicht kann man es sich nicht einmal machen, wenn man es zur Zeit überall sonst sehr schwer hat. Zu leicht macht es sich dann aber auch Völker, wenn er für seine Zunft, die sich ja unter anderen Umständen so gerne Inhalten widmen würde, die Exkulpierung bereithält: Medien, so lesen wir, "bilden die jetzige Politik ab". Gerade so, als ob dem Kampfgebrumme, das täglich aus den Parteibüros dröhnt, eine Berichterstattungspflicht inhärent wäre. Nein, Journalismus ist immer Selektion, die Auswahl aus Möglichem und der Wegfall von Unnötigem. Und: Was Journalisten nun zeigen, wenn sie "die jetzige Politik" abbilden, gibt immer auch Aufschluss über diese ihre Auswahlprinzipien, die Sicht auf "die Dinge", die sich für den Professionisten oft von selbst versteht, aber eben nur vermeintlich selbstverständlich ist.

Es fragt sich daher, ob sich "die Medien" neben dem Abstellgleis, auf dem Völker die Koalition wähnt, gleich selbst einparken müssen: Inhalten widmen wir uns wieder, so kann man das lesen, wenn sie uns, nach entsprechender Weichenstellung, wieder von den Politikern (und ihren vorgefertigen Pressestatements) vorgegeben werden. Muss somit eine inferiore politische Performance zur Kapitulation eines Berufsstandes führen?

Medien könnten, anstatt sich zu wünschen, sich Inhalten widmen zu können, dies auch ganz einfach tun, ohne das für alle Seiten lähmende oberflächliche Hickhack nachzubilden. Gerade dann, wenn aus der Politik scheinbar nichts Vernünftiges zu "verlautbaren" oder zu "vermelden" ist, müsste die Stunde des guten Journalismus schlagen, der eben mehr macht, als Oberflächen nachzupolieren und Presseaussendungen zusammenzufassen. Die Stunde eines Journalismus, der selbst Akzente und Standards setzt. Und: indem er die Geschichten macht, die er gemacht wissen will. Die möglichen Inhalte verschwinden ja nicht, nur weil die Politik es nicht schafft, ohne Zank und Zeter darüber zu sprechen. Über Steuer- und Gesundheitsreformen oder die Bedeutung von Untersuchungsausschüssen lassen sich treffliche Artikel verfassen, ohne auch nur ein Wort über strategische Händel verlieren zu müssen. Journalismus darf nicht passiv sein, er muss gemacht werden - von Journalisten, nicht von Politikern. Da kann man sich nicht darauf zurückziehen, dass man sich ja (oh so gerne) Inhalten widmen würde, wenn es nur welche "abzubilden" gebe. Denn das macht die "Hansln von der Zeitung" dann kein bisschen besser als die Koalitionäre: wenn sie die Verantwortung für das was sie gern würden, aber nicht können, bei anderen suchen. (Christian Schwarzenegger, DER STANDARD; Printausgabe, 15./16.3.2008)

Zur Person Christian Schwarzenegger ist Forschungsstipendiat der Uni Wien und Lehrbeauftragter am Institut für Publizistik sowie Mitherausgeber der Fachzeitschrift "medien & zeit".
  • Gusenbauer und Molterer aus Sicht ihrer Kommentatoren: Medien als Geiseln der "inferioren Performance der Politik"?
    f.: cremer; montage: kohlhuber

    Gusenbauer und Molterer aus Sicht ihrer Kommentatoren: Medien als Geiseln der "inferioren Performance der Politik"?

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